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Prof. Dr. Herbert Schui, MdB

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16.07.09 |  Herbert Schui
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Die gespaltene Landwirtschaft

Financial Times Deutschland / Herbert Schui
Seit Jahrzehnten sinken die Preise von Agrarprodukten. Bauern haben nur
zwei Möglichkeiten gegenzusteuern: Gentechnik und Bioanbau


In der gegenwärtigen Wirtschaftskrise sind die Bauern, vor allem die
kleineren Betriebe, von zwei Preisentwicklungen bedroht: Auf der einen
Seite geben die Einkaufspreise für Betriebsmittel wie Dünger, Diesel,
oder Landmaschinen in der Krise kaum nach. Deren Hersteller, meist große
Konzerne, können auch im Wirtschaftsabschwung hohe Preise durchsetzen.
Auf der anderen Seite sinken die Verkaufspreise für Landwirtschaftsprodukte, da die Abnehmer aus der Nahrungsmittelindustrie, den Handelsketten oder den Großmolkereien Druck ausüben. Die Große Depression liefert Anhaltspunkte, was zu erwarten ist: In den USA beispielsweise sind die Erzeugerpreise der Landwirte von 1929 bis 1933 um rund 45 Prozent gesunken, die Preise für Betriebsmittel aber nur um etwa zehn Prozent. Ein solches Szenario führt zuerst in die Überschuldung und schließlich zum Verlust des Hofes.

Die momentan unterschiedliche Preisentwicklung für landwirtschaftliche
Produkte und Betriebsmittel hat ihre Geschichte. Von 1960 bis in die
80er-Jahre stiegen in der Bundesrepublik die Preise für beide
Produktgruppen, wobei allerdings die Preise für Betriebsmittel rascher
zulegten. Zu Beginn der 80er-Jahre aber setzte eine Wende ein: In der
Tendenz fallen seitdem die Erzeugerpreise der Landwirte. Die Preise für
landwirtschaftliche Betriebsmittel dagegen steigen weiter zügig an.
Besonders ausgeprägt ist dies in der Zeit seit 1989, mit einer kurzen
Unterbrechung 2007 und 2008: Hier stiegen die Erzeuger- und
Betriebsmittelpreise um etwa 20 Prozent an. Doch schon im ersten Quartal
2009 ging es wieder rapide bergab: Die Erzeugerpreise für Agrarprodukte
fielen im Vergleich zum ersten Quartal 2008 um rund 19 Prozent, die
Preise für Betriebsmittel sanken um knapp ein Prozent. Hierbei fielen
zwar die Preise für laufende Betriebsmittel, die für Investitionsgüter
legten dafür kräftig zu.

Forschung vernachlässigt
In der Vergangenheit haben die Landwirte die steigende Differenz
zwischen Betriebsmittel- und Erzeugerpreisen vor allem durch
Mechanisierung, mineralische Düngung und chemischen Pflanzenschutz
ausgeglichen. Die bäuerliche Arbeit wurde dadurch produktiver. Diese
Methode aber ist mittlerweile im Wesentlichen ausgereizt.

Der neue Weg zur Produktivitätssteigerung ist die Gentechnik. Sie
verspricht höhere Ernten im Ackerbau, was auch den Preis für
Futtermittel niedrig halten kann. Bei der Milch- und Fleischerzeugung
wird im Rahmen der patentierten Tierzucht auf eine höhere Ausbeute
gesetzt. Die Gentechnik ist auch die Lösung, die die Bundesregierung
anstrebt. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner zufolge kann moderne
Biotechnologie dazu beitragen, Energie und Ressourcen zu sparen,
gesünderes Tierfutter oder Pflanzen der Zukunft zu erzeugen. Ähnlich
äußerte sich Forschungsministerin Annette Schavan einst in der
„Süddeutschen Zeitung“: Man müsse „das Potenzial der Gentechnik nutzen,
aber zugleich die Risiken ernst nehmen und Akzeptanz schaffen“.

Welche Wirkung die gentechnische Landwirtschaft auf die Qualität der
Lebensmittel hat, ist jedoch viel zu wenig geklärt. Wer diese Risiken
ernst nimmt, muss auch unabhängige Forschung hierzu fördern. Davon aber
ist nicht viel zu sehen. Und auch bei der Akzeptanz zeichnet sich ein
gegenteiliger Trend ab: Die Verbraucher setzen mehr denn je auf
Bioprodukte – wenn sie es sich leisten können.

Gentechnik für die Massen
Die möglichen Risiken gehen aber über gesundheitliche hinaus: Setzt sich
die Gentechnik in der Landwirtschaft durch, vergrößert sich die
Abhängigkeit der Bauern von Zulieferern der Betriebsmittel, also
Konzernen wie Monsanto, BASF, Syngenta, Bayer, Dow oder DuPont Pioneer.

Das erklärt sich zum einen aus deren Preissetzungsmacht, zum anderen
daraus, dass gentechnisch verändertes Saatgut nicht nachgezüchtet werden
darf und dass die patentierte Viehzucht zum Geschäft spezialisierter
Großkonzerne geworden ist. Damit wird es in der Landwirtschaft zwei
voneinander getrennte Zweige geben: die Biolandwirtschaft und die
Genlandwirtschaft.

Erstere richtet sich an Verbraucher, die Wert auf hohe Qualität legen
und sich dies finanziell leisten können. Letztere ist für den Massenverbrauch gedacht, also für Konsumenten, deren Einkommen niedrig ist, die schlecht informiert sind oder der Qualität von Landwirtschaftsprodukten gegenüber gleichgültig. In diesem Zweig wird eine intensiv rationalisierte Massenproduktion vorherrschen müssen.

Gleichzeitig wird sich im Rahmen der Genlandwirtschaft auch die
Produktion von Biosprit rascher durchsetzen. Damit werden Nahrungsmittel
teurer, weil der Boden zunehmend anders genutzt wird. Das kann zu
Hungersnöten führen oder Lohnsteigerungen notwendig machen, die wiederum den Gewinn in der Industrie schmälern. In den Entwicklungs- und
Schwellenländern werden diese Gewinne – anders als in den
industrialisierten Ländern – in Maschinen und Anlagen reinvestiert.
Landet aber der Gewinn bei den Gentechnikkonzernen oder den großen
Plantagenbesitzern, wird er kaum noch für industrielle Investitionen
verwendet. Die Herstellung von Biosprit verlangsamt damit die
industrielle Entwicklung dieser Länder.

Die Agrarpolitik ist sich offenbar über all dies nicht im Klaren. Es
fehlt an unabhängiger Forschung und Aufsicht zur Garantie der
Lebensmittelqualität, die Kartellämter kümmern sich nicht um die
Preisbildung für Betriebsmittel. Der Zusammenhang von Biosprit und
industrieller Entwicklung wird überhaupt nicht angesprochen.

Mit der Abschaffung der Milchquote, weiterhin reduzierter Dieselsteuer
sowie dem Ausbau von Großmolkereien (wie von Bundeskanzlerin Angela
Merkel vorgeschlagen) und einigen Subventionen jedenfalls ist die Frage
nicht zu lösen.









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