Zeitungsartikel
Der Sozialstaat war und ist finanzierbar.

Prof. Dr. Herbert Schui, MdB

Startseite  Veröffentlichungen  Zeitungsartikel

19.05.07 |  Herbert Schui
Zeitungsartikel

Lösung der Energiefrage: Biosprit?

Brief aus Berlin. Von H. Schui / Harburger Anzeigen und Nachrichten

Die Ölvorräte gehen langsam zur Neige. In wenigen Jahrzehnten wird der Verbrauch von Öl die Neuentdeckung von Lagerstätten übersteigen, die mit heutigen Techniken und zu gegenwärtigen Preisen ausgebeutet werden können. Von diesem Punkt an wird Erdöl endgültig knapp und teuer. Die Lösung wird (neben anderem) in der Produktion nachwachsende Rohstoffe gesucht. Dies wird bei freien internationalen Märkten die Nahrungsmittelproduktion verringern und die Dritte Welt in ihrer Wirtschaftsentwicklung zurückwerfen. Die Wirkungen werden weit über den landwirtschaftlichen Sektor hinausgehen.

Nicht nur werden weitere Regenwälder abgeholzt. Überdies wird vorhandene Fläche, auf der bis dahin Nahrungsmittel angebaut wurden, nun anders genutzt. Dies verknappt das Angebot von Nahrungsmitteln: Preise steigen. Der landwirtschaftlich hergestellte Treibstoff konkurriert mit der Nahrungsmittelproduktion um Anbauflächen. Je größer der Bedarf an Treibstoff, um so höher die Kosten der Lebenshaltung in den betroffenen Ländern. Neben den Umweltschäden besteht das Ergebnis demnach darin, dass von den ohnehin Armen in den Entwicklungsländern nun noch mehr verhungern. Damit wäre die Rohstoffsicherung in den Erölförderländern durch Krieg nun teils ergänzt, teils ersetzt durch Gewalt gegen die Armen, diesmal in der Form des stummen Zwangs der ökonomischen Verhältnisse. Dies allerdings ist noch nicht das endgültige Ergebnis.

Da die Reallöhne wegen der steigenden Nahrungsmittelpreise sinken, werden überall dort, wo es in größerem Umfang Lohnarbeit und Industriearbeiterschaft gibt (Schwellenländer) und wo sich die Arbeiterschaft in Gewerkschaften oder anders organisiert, Lohnerhöhungen durchgesetzt – oft als Ergebnis langer und harter Konflikte. Damit sinkt der unternehmerische Gewinn. Anders als in den hochindustrialisierten Ländern besteht in den Schwellenländern ein engerer Zusammenhang zwischen Unternehmensgewinnen und Investitionen. Der sinkende Gewinn wird demnach die Investitionen drosseln. Dies verlangsamt das Wirtschaftwachstum; auch ein Absinken der Produktion kann nicht ausgeschlossen werden.

Die Kehrseite der Lösung der Energiefrage durch Biosprit wird demnach ein erheblicher Rückschlag in der Wirtschaftsentwicklung der Dritten Welt sein – mit allen Folgen, die eine Verlangsamung oder ein Rückgang der Industrialisierung hat.

Nichts ist gegen die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen in der EU für die Treibstoffproduktion einzuwenden, soweit dies die landwirtschaftliche Überproduktion in der EU beendet. Produktionsanreize allerdings für Biosprit in den Entwicklungsländern werden üble Folgen haben.









Neuigkeiten

27.08.10
Pressemitteilung

Schäuble destabilisiert


»Mit seiner falsch verstanden... mehr
11.07.10
Zeitungsartikel

Europa spart sich in eine hartnäckige Stagnation

Die deutsche Regierung hat die Mark... mehr