Die Haupteigenschaften der menschlichen Natur.
Bemerkungen zur Nähe von Neoliberalismus und Rechtsextremismus. In: Forum Wissenschaft, Nr. 4, 2000, S. 42 – 45Zunehmend gewinnt die Einsicht Raum, daß der moderne Rechtsextremismus (zumindest, was die bedeutenderen Parteien angeht) der politische Arm des Neoliberalismus ist, die Bewegung sozusagen, denen sich offenbar selbst die Sozialdemokratie und bestimmte Modernisiererfraktionen in den Gewerkschaften nicht entziehen können. Mit dem Begriff der Bewegung ist die Frage nach dem Zusammenhang von Neoliberalismus und Faschismus angedeutet. Die Antwort ist schwierig, denn Führerkult oder Völkisches läßt sich in der neoliberalen Theorie so recht nicht nachweisen. Aber dennoch: Die modernen rechtsextremen Parteien distanzieren sich oft nur unter Druck vom historischen Faschismus, so Haider von der Waffen-SS oder Le Pen von seinen abwiegelnden Aussagen zur Shoa, oder sie bewerten die Ära des Faschismus rundheraus positiv – so Gianfranco Fini. Dies verdient ebenso Aufmerksamkeit wie die Parteiprogramme und grundlegenden Schriften der Rechtsextremen, deren theoretischer Basis ausdrücklich der Neoliberalismus ist. Besonders F. von Hayek wird oft und positiv zitiert.[1]
All das scheint widersprüchlich und veranlaßt beispielsweise den Kommandanten Marcos der Chiapas in einem Aufsatz in Le Monde Diplomatique, vom modernen »liberalen Faschismus« als einem Oxymoron zu sprechen, also eine Analogie zur Figur des ›dunklen Lichtes‹ – wir Marcos seinen Beitrag mit einem Zitat von Jorge Luis Borges einleitet.[2] Ohne Zweifel kann die lyrische Figur des Oxymorons beim Erahnen des Zusammenhangs von Rechtsextremismus und Neoliberalismus weiterhelfen. Zu erinnern ist Benns Metapher von ›Engeln, von deren Flügel Würmer tropfen‹ oder an Lorcas Zeilen über die Lyrik: »Der Dichter versteht alles Unverstehbare und Dinge, die sich hassen. Er führt sie zu Freunden zusammen.« Vielleicht aber läßt sich das zunächst Unverstehbare und die Freundschaft zwischen Neoliberalismus und Rechtsextremismus doch erklären, außerhalb der Lyrik, intellektuell erfassen, so daß wir es beim liberalen Faschismus nicht mehr mit einem Oxymoron, einer contradictio in adjectu zu tun haben, sondern mit einem geschlossenen Entwurf.
1. Die neoliberalen Axiome
Der Hinweis ist trivial, aber dennoch wesentlich: Um eine einigermaßen klare Vorstellung von Neoliberalismus zu gewinnen, ist dessen Entwurf der Gesellschaft zu bestimmen. Wie eigentlich sieht eine neoliberale Gesellschaft aus, wenn man etwa Hayek, Friedman, Buchanan, Becker zu Wort kommen läßt? Auf welcher Grundlage nach neoliberalem Verständnis eine freie Gesellschaft funktioniert, haben Alchian und Allen in lehrbuchhafter Akkuratesse in ihrer Einführung »Exchange and Production, Theory in Use«[3] dargestellt: Die Menschen leben (und verhalten sich) unter der Bedingung der Knappheit von Gütern. Die Analyse ihres Verhaltens hat die folgenden zwei Beobachtungen und fünf Postulate zur Grundlage: Zunächst zu den Beobachtungen: (1) Die Einheit der Analyse ist das Individuum. (Im Gegensatz zur klassischen politischen Ökonomie ist demnach nicht die gesellschaftliche Klasse methodischer Bezugspunkt). (2) Niemand kann die Zukunft vollständig voraussehen. Des weiteren die Postulate, die als »Haupteigenschaften der menschlichen Natur« verstanden werden: (1) Jede Person strebt eine Vielzahl von Gütern an. Gut bedeutet hier jedes gewünschte Dasein (entity) oder Ziel. (2) Für jede Person sind einige Güter knapp. (3) Eine Person ist bereit, einige ihrer Güter zu opfern, um mehr von den anderen Gütern zu erhalten (Substitution). (4) Die persönliche Bewertung jedes Gutes durch ein Individuum hängt davon ab, wieviel es von dem betreffenden Gut besitzt; je mehr es davon besitzt, um so geringer bewertet es das Gut (fallender Grenznutzen). (5) Nicht alle Leute haben identische Präferenz-Schemata.
Wichtig im weiterführenden Raisonnement ist, daß alles, auch menschliche Eigenschaften, Güter sind und einen Preis haben, so materielle Güter, des weiteren psychische, moralische, geistige, intellektuelle, daß diese Güter unterschiedliche Wertschätzungen erfahren, so daß sich menschliches Verhalten durch ein umfassendes System relativer Preise beschreiben läßt. Beckers »Economics of Suicide« ist hierfür ein besonders gelungenes Beispiel: Der Mensch begeht Selbstmord, wenn der (subjektiv eingeschätzte) Schrecken des Lebens den des Todes überwiegt. Güterabwägung und der so motivierte Austausch der Güter ist das grundlegende und einzige Bewegungsmoment der Individuen und, indem diese auf dem Markt durch den Wettbewerb koordiniert sind, der Gesellschaft. Diese Gesellschaft wird als ›acquisitive‹, d.h. als auf Erwerb ausgerichtet und gewinnsüchtig, in diesem Sinn auch als (lern)begierig gekennzeichnet. »Der Überlebenswert dieses Charakterzuges für das Individuum und für die Spezies im evolutionären Selektionsprozeß kann ein Faktor gewesen sein für die nachfolgende Dominanz der ›acquisitiven‹ Spezies.«
Insgesamt wird deutlich, daß das Verhalten der Menschen zueinander als ein reines Benutzungsverhältnis aufgefaßt wird. Nichts entgeht diesem definitorischen Zugriff: Alles Verhalten ist rechenhafter Tausch. Die genannten fünf Postulate als Haupteigenschaften der menschlichen Natur sind so festgelegt, daß alles darunter subsumiert werden kann. Für ernst zu nehmende Psychologen (in der Tradition von Freud) sind diese Grundvoraussetzungen menschlichen Verhaltens nicht haltbar. Vermutlich werden sie von diesen als Symptome (massenhafter) psychischer Deformation begriffen. Wichtig ist ebenfalls der Hinweis auf den evolutionären Selektionsprozeß. Er suggeriert bereits, daß einzig die gewinnsüchtige, die – in diesem Rahmen – (lern)begierige Gesellschaft eine Überlebenschance im »Kampf ums Dasein« hat. Im Sinne des Überlebens ist der Kapitalismus die Vervollkommnung der Menschheit: Leben ist Kapitalismus.
2. Die neoliberale Gesellschaft
In seinen »Grundsätzen einer liberalen Gesellschaftsordnung"[4] nennt Hayek seine »große«seine »offene« neoliberale Gesellschaft Katallaxie. Damit soll, so Hayek, deutlich werden, daß Handel treiben das Wesen der Gesellschaft ist, eben weil das griechische Verb katallaktein mit seinen beiden Bedeutungen »Handel treiben« und »in die Gesellschaft aufnehmen«dies angemessen anspreche. Welche Gesellschaft werden die in dieser Weise Sozialisierten herausbilden? Die Umrisse sind bereits deutlich geworden. Eine umfassende Vorstellung hiervon entwickeln Nozick (Anarchie, Staat, Utopie) und Buchanan (Die Grenzen der Freiheit).[5] Deren Vorstellungen vom »Gesellschaftlichen« lassen sich in dieser Weise skizzieren: In jedem Zeitpunkt verfügen die Individuen über eine bestimmte Ausstattung mit Gütern in der bereits genannten, umfassenden Definition, so Arbeitskraft, Schönheit, Produktionsmittel, Güte. Jeder möchte im Sinne der zwei Beobachtungen und fünf Postulate seinen individuellen Nutzen maximieren, und so wird er das, wovon er relativ reichlich hat, eintauschen gegen das, was ihm fehlt. Das besondere an einer entwickelten Marktwirtschaft ist nun, daß die oder der Schöne (Arbeitsfähige, Gütige) sich als Person nicht ganz verkaufen muß, sondern daß Leistungen, die sich auf diese Ausstattung gründen, zum Markt getragen werden. Im Falle des Realkapitals (der Produktionsmittel) bereitet dies möglicherweise einiges Kopfzerbrechen, aber die moderne Wirtschaftstheorie kann auch diese Frage lösen: Die Arbeitskraft heuert die Dienste des Kapitals, um produktiv zu werden und teilt mit diesem das Produktionsergebnis. Die Freiheit, die das System gewährt, besteht darin, daß jeder seine eigennützigen Ziele (die Maximierung des Nutzens) am Markt verfolgen kann. Die Aufgabe des Staates ist, diese Lizenz umfassend zu schützen. Er muß das Privateigentum gewährleisten (also das Eigentum an der jeweiligen persönlichen Ausstattung), die Vertragsfreiheit und Vertragsvollstreckung, den freien Zutritt zum Markt, den Wettbewerb. Würde all dies nicht garantiert, wäre ein geregelter Tausch nicht möglich. Daß sich die Individuen in ihrem eigenen Interesse auf einen solchen Staat stillschweigend einigen können, liegt auf der Hand: Denn gäbe es dieses Arrangement nicht (Buchanan usurpiert hier den klassischen Begriff des Gesellschaftsvertrages), müßten die Individuen erhebliche Ressourcen aufwenden, um ihr Eigentum zu schützen, im Tausch die Gegenleistung zu erzwingen, eine Gelegenheit zum Tausch erkämpfen. Davon, daß der Tausch höchst ungleich sein kann, weil Macht und Eigentum recht ungleich verteilt sind, ist in dieser Gesellschaftsvertragstheorie nicht die Rede. Freiheit ist anders zu verstehen. Hayek schreibt hierzu: »Auch wenn ihn selbst (ein beliebiges Individuum, H.S.) und vielleicht seine Familie die Gefahr des Hungers bedroht und ihn zwingt, eine ihm widerwärtige Beschäftigung für einen sehr geringen Lohn anzunehmen und er der Gnade es einzigen Menschen ausgeliefert ist, der bereit ist, ihn zu beschäftigen, so ist er doch weder von diesem noch von irgend jemand anderem in unserem Sinne gezwungen. Solange die Handlung, die seine Schwierigkeiten verursacht hat, nicht bezweckte, ihn zu bestimmten Handlungen und Unterlassungen zu zwingen, solange die Absicht der Handlung, die ihn schädigt, nicht die ist, ihn in den Dienst der Ziele eines anderen zu stellen, ist ihre Wirkung auf seine Freiheit keine andere als die einer Naturkatastrophe - eines Feuers oder einer Überschwemmung, die sein Heim zerstört, oder eines Unfalles, die seine Gesundheit schädigt.«[6]
Nun ist unmittelbar einleuchtend, daß nicht nur der Begriff der Freiheit diesem Tauschwesen angepaßt werden muß: Die Gerechtigkeit ist ähnlich zu verballhornen. Sie existiert nur noch in der Form »prozeduraler Gerechtigkeit« (Nozick), d.h. gegeben die Ausstattung der Individuen und der besonderen Freiheitsbegriff, kann sich Gerechtigkeit nur noch auf den Tauschvorgang beziehen. Gerecht ist die Prozedur dann, wenn niemand beim Tausch (etwa durch Zwang) Nutzen einbüßt, sondern wenn beide Tauschpartner Nutzen dazu gewinnen: Massenarbeitslosigkeit oder miserable Arbeitsbedingungen sind offenbar mit diesem Verständnis von Freiheit und Gerechtigkeit vereinbar.
3. Der faschistische Kern des Neoliberalismus: Auslese und Unterwerfung
Was hat eine solche Marktgesellschaft nun mit dem Rechtsextremismus oder dem traditionellen Faschismus zu tun? Zwei Dinge sind hier besonders wichtig, nämlich die Bestimmungsgründe für die Entwicklung der Gesellschaft und die Frage danach, wie verhindert werden kann, daß sich benachteiligte Individuen zu Kollektiven zusammenfinden und gegen die Regeln dieser Gesellschaft angehen.
Der ausdrückliche Vorsatz der Neoklassik bestand darin, in Gegnerschaft zur Klassik den Entwicklungsgedanken aus den Wirtschaftswissenschaften heraus zu halten. Die Perspektiven des Systems sollten weder revolutionär gedeutet werden (Marx) noch pessimistisch, wie dies etwa Malthus mit seinem Bevölkerungsgesetz nahelegte. Diese Enthaltsamkeit findet mit dem Neoliberalismus sein Ende. Vielmehr ist die gesellschaftliche Entwicklung nun, wie Hayek dies nennt, durch einen "Siebungsvorgang" bestimmt. Dieser Vorgang ist eng mit Lernen verknüpft - oder anders, der Gesichtspunkt des Lernens bei diesem Siebungsvorgang kann am leichtesten deutlich machen, was die Entwicklung treibt. Der Mensch lernt, so Hayek, durch die Enttäuschung von Erwartungen.[7] Dies ist Lernen durch Versuch und Irrtum, d.h. durch Dressur und Konditionierung. Dies hat nichts zu tun mit einsichtigem Lernen, bei dem die Struktur der Sache bewußt und evident wird. Was nun wird durch Dressur in dieser aquisitiven, der (lern)begierigen Tauschgesellschaft erlernt, und wer lernt von wem? Gelernt wird von den Erfolgreichen, und da alles auf individuelle Nutzenmaximierung zugeschnitten ist, können nur individuellen Überlebens- und Bereicherungspraktiken erlernt werden - nicht aber etwa, wie denn Wirtschaft und Gesellschaft politisch bewußt gesteuert werden könnten. Vielmehr wird das individuell Ineffiziente, werden die Versager herausgesiebt. Ein eigentliches, konkretes Entwicklungsziel kennt diese Gesellschaft (außer der Maximierung der Überlebenswahrscheinlichkeit) nicht. Sie ist offen, wie Popper dies genannt hat, d.h. offen in dem Sinne, daß, gegeben das Lernen und die Lizenz, sein Glück am Markt zu versuchen (die individuelle Freiheit in der Hayekschen Definition), es völlig unbestimmt ist, wie hoch beispielsweise der Output ausfällt oder der Massenwohlstand. (Wir können auch sagen, daß hierbei das Glücksversprechen der Moderne umgedeutet ist: Nicht mehr der Wohlstand der Nationen ist der Zweck des Kapitalismus, sondern einzig die Freiheit der individuellen Entfaltung im Marktkontext).
Entscheidend für den Zusammenhang dieser neoliberalen Entwicklungsvorstellung mit dem Rechtsextremismus ist die Idee der Aussiebung und Auslese. Wie nah das beim traditionellen Faschismus liegt, können zwei Hitler-Zitate verdeutlichen: "Das hohe Maß an persönlicher Freiheit, das ihnen (Unternehmern und Arbeitern, H.S.) in ihrem Wirken dabei zugebilligt wird, ist durch die Tatsache zu erklären, daß erfahrungsgemäß die Leistungsfähigkeit des einzelnen durch weitgehende Freiheitsgewährung mehr gesteigert wird als durch Zwang von oben, und es weiter geeignet ist zu verhindern, daß der natürliche Ausleseprozeß, der den Tüchtigsten, Fähigsten und Fleißigsten befördern soll, etwa unterbunden wird."[8] Diesen Vorstellungen aus »Mein Kampf« bleibt Hitler nach 1933 treu, und auch dann, wenn Wirtschaftsplanung zur Produktions- und Effizienzsteigerung der deutschen Wirtschaft einstweilen unumgänglich erscheinen. Planmäßige Leitung sei ein »gefährliches Unternehmen, weil jeder Planwirtschaft nur zu leicht die Verbürokratisierung und damit die Erstickung der ewig schöpferischen privaten Einzelinitiative folgt«.[9] »Diese Gefahr wird noch erhöht durch die Tatsache, daß jede Planwirtschaft nur zu leicht die harten Gesetze der wirtschaftlichen Auslese der Besseren und der Vernichtung der Schwächeren aufhebt oder zumindest einschränkt zugunsten einer Garantierung der Erhaltung auch des minderwertigen Durchschnitts (...).«[10]
Es ist dieser Auslesegedanke, der auch wesentlicher Bestandteil der neoliberalen Evolutionstheorie ist. Hayek sagt in einem Interview mit der Wirtschaftswoche: »Gegen die Überbevölkerung gibt es nur die eine Bremse, nämlich daß sich nur die Völker erhalten und vermehren, die sich auch selbst ernähren können.« Das sei - so Hayek - kein Sozialdarwinismus, sondern »bei mir geht es um einen gesellschaftlichen Evolutionsprozeß«.[11]
Soll eine solche Gesellschaft, die ihre Fortentwicklung auf Auslese gründet (ohne aber ein genaues Ziel ihrer Entwicklung angeben zu können), Bestand haben, dann ist es wichtig, daß alle, und besonders die Ausgesiebten, das System bejahen. Die Alternative wäre ja, durch kollektive Willensbildung (die Herausbildung einer sozialen Präferenzfunktion) die Lage für die große Mehrheit der Bevölkerung zu verbessern, für die Marginalisierten und auch für die, die systematisch mit kapitalistischen - wie Hayek sie versteht - natürliche Katastrophen zu kämpfen haben. Dafür, daß dies nicht sein soll und darf, mobilisiert der Neoliberalismus nicht wenig an Einwänden. Zunächst versucht die Theorie der kollektiven Entscheidungen nachzuweisen, daß eine optimale demokratische Willensbildungen unmöglich sei. Stichworte sind hier das Wahlparadox (Arrow)[12] oder die Mehrheit, die nur durch Unterstützung der »Schlechtesten« zustande komme (Hayek).[13] Weiter seien die Machtmittel des Staates auf die genannten Garantien (Privateigentum usw.) zu begrenzen, weil sie sonst von einer tyrannischen Bürokratie usurpiert oder die Beute wohlorganisierter Interessen (besonders der Gewerkschaften) würden. Damit wird behauptet, daß alle bisher ausprobierten Mittel für kollektive Willensbildung unbrauchbar seien. Des weiteren: Selbst wenn eine solche Willensbildung zustande käme, so wäre diese darauf gerichtet, der Gesellschaft ein Ziel vorzugeben. Dies wäre nicht vereinbar mit der »offenen« Gesellschaft und folgerichtig auch nicht mit der individuellen Freiheit, sein Interesse ungehindert am Markt verfolgen zu dürfen. Vielmehr liefe alles darauf hinaus, daß sich die Unfähigen (die Schlechtesten) mit politischen Mitteln das anzueignen versuchen, was ihnen wegen ihrer Leistung nicht zustünde. Damit müßte das Lernen und folglich die Evolution zum Stillstand kommen. Der »Weg zur Knechtschaft« wäre vorgezeichnet. Denn der Rationalismus und Konstruktivismus der europäischen Aufklärung – so Hayek – zielt im Rahmen eines gesellschaftlichen Entwurfes darauf ab, "die Kräfte der Gesellschaft in derselben Weise zu beherrschen, wie dies bei der Beherrschung der Kräfte der Natur gelungen ist. (...). Dieser Weg führt nicht nur zum Totalitarismus, sondern auch zur Vernichtung unserer Kultur und mit Sicherheit zur Verhinderung des Fortschritts in der Zukunft."[14]
Die Menschheit soll also nicht den Mut aufbringen, sich ihres Verstandes zu bedienen, sie soll auch nicht den Markt dort bewußt nutzen, wo dies für die Wohlfahrt zweckmäßig erscheint (ein Anliegen mancher Neoklassiker), vielmehr soll sie sich dem von ihr bewußt- und willenlos herbeigeführten Stand der Evolution anvertrauen. Lassen wir nochmals Hayek zu Wort kommen: »Gerade dadurch, daß die Menschen sich früher den unpersönlichen Kräften des Marktes unterworfen haben, ist die Entwicklung der Kultur möglich gewesen (...). Der springende Punkt ist, daß es unendlich viel schwerer ist, logisch zu erfassen, warum wir uns Kräften, deren Wirkungen wir nicht im einzelnen verfolgen können, unterwerfen müssen, als dies zu tun aus demütiger Ehrfurcht, die die Religion oder auch nur die Achtung vor den Lehrender Nationalökonomie einflößt.«[15]
Was, in einem Satz, hält der Neoliberalismus für die Menschen bereit? Auslese und Unterwerfung – all dies ausstaffiert mit Hinweisen auf persönliche Freiheit, Überlebenschancen, drohende Knechtschaft. Es ist, kurz und gut, die Selbstverwirklichung eines solchen Menschen, der durch Alchians Beobachtungen und Postulate zutreffend charakterisiert ist, d.h. eines durch kapitalistische Sozialisation deformierten Menschen. Dies gilt für den Theoretiker und sein Objekt gleichermaßen. Damit läßt sich ein Anhaltspunkt für die Antwort auf die Frage finden, was denn die Attraktivität des Neoliberalismus ausmacht. Je deformierter der Mensch, um so einleuchtender erscheint ihm der Neoliberalismus: Er erkennt sich in dessen grundlegenden Annahmen zum Individuum wieder.
Wenn Umberto Eco (Marcos zitiert ihn wiederholt in seinem Artikel) damit recht hat, daß die Ablehnung der Zunahme von Wissen (damit ist nicht das Ergebnis des Lernens durch Dressur gemeint), Rassismus, aristokratischer Elitismus und Ähnliches mehr allgemeine Merkmale des Faschismus sind[16], dann steht diesem der Neoliberalismus nahe. Auslese und Unterwerfung, dies sollte deutlich sein, sind die Tugenden, die der Faschismus traditionell eingefordert hat. Neoliberalismus ist militante Gegenaufklärung: Die Menschen sollen ihre Lage nicht durch vermehrtes Wissen in einer kollektiven bewußten Anstrengung in den Griff bekommen. Denn dies würde mit der Herrschaft aufräumen müssen, die der Neoliberalismus mit all seinen Kunstgriffen zu legitimieren sucht.
Nun fehlt, wenn es um die Nähe des Neoliberalismus zum Faschismus geht, in der neoliberalen Theorie die Figur des Führers: Buchanans Tauschgesellschaft funktioniert ohne die Befehle eines Diktators. Dies mit Vorbedacht: Denn aus der Logik der neoliberalen Theorie der kollektiven Entscheidung folgt, daß der Kapitalismus dem Politischen stets mißtrauen muß. Mag der Führer dem Kapitalismus auch noch so ergeben sein, er selbst oder die Bewegung, auf die er sich stützt, birgt stets die Gefahr in sich, aus dem Ruder zu gehen. Denn es ist ein politisches Kollektiv und nicht ein Ensemble von Individuen. Da es aber darum geht, den Kapitalismus endgültig zu bewahren, ist der totale Markt der offenen Diktatur vorzuziehen.
Was ist geeignet, die Sozialisation des totalen Marktes, das System allumfassender Benutzungsverhältnisse und die priesterliche Rolle der Wirtschaftswissenschaften, des Fernsehens zu durchbrechen? Die Antwort hierauf ist die wesentliche intellektuelle und politische Herausforderung der Gegenwart.
1 Vgl. hierzu Schui u.a.: Wollt ihr den totalen Markt? Der Neoliberalismus und die extreme Rechte, München 1997
2 Marcos, Naissance d'une nouvelle droite. Le fascisme libéral, Le Monde Diplomatique, August 2000. Überhaupt ist es interessant zu sehen, daß der faschistische Gehalt des Neoliberalismus offenbar erst dann so recht von vielen Linken wahrgenommen wird, wenn dies die Chiapas in die Debatte bringen. In gewisser Weise ähnelt dies der Faszination, die Mao auf bestimmte Studentengruppen in den 60er Jahren ausübte: Erst dieser konnte sie veranlassen, Widerspruch gegen den Kapitalismus einzulegen.
3 A.A. Alchian, W.R. Allen, Exchange and Production, Theory in Use,
Belmont, Kalifornien, 1969, Kapitel 2
4 F. Hayek, Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung, Ordo 1967, S. 11ff. Neudruck: F.A. von Hayek, Gesammelte Aufsätze von F. Hayek, Freiburger Studien, Tübingen 1969, S. 121 ff
5 R. Nozick, Anarchie, Staat, Utopie, München 1976; J. Buchanan, Die Grenzen der Freiheit, Tübingen 1984
6 F. Hayek, Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 1971, S. 166
7 Ebenda, S. 40
8 A. Hitler, Mein Kampf, 2. Band, München 1934, S. 676
9 Rede von Adolf Hitler am 21.5.1935 im Deutschen Reichstag, in:
P. Meier-Benneckenstein (Hrsg.), Dokumente der deutschen Politik, Band 3,
Berlin 1937, S. 71 f
10 Ebenda
11 F. Hayek, Ungleichheit ist nötig, Interview mit Stephan Baron, in: Die Wirtschaftswoche Nr. 11, 1981. Dieses Interview wurde nach Hayeks Tod erneut in der Wirtschaftswoche publiziert (Nr. 3 vom 11.1.1996). Die hier zitierte Passage ist dort allerdings nicht mehr wiedergegeben.
12 K. Arrow, Social Choice and Individual Values, New York 1963
13 F. Hayek, Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung, a.a.O., S. 121
14 Derselbe, Der Weg zur Knechtschaft, München 1991, S. 254
15 Ebenda, S. 254
16 U. Eco, Cinq questions de morale, Paris 2000


Veröffentlichungen 

