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		<title>Aktuelles von Herbert Schui, Mdb – DIE LINKE</title>
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			<title>Aktuelles von Herbert Schui, Mdb – DIE LINKE</title>
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		<lastBuildDate>Sat, 03 Dec 2011 22:54:00 +0100</lastBuildDate>
		
		
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			<title>Sozialer Zusammenhalt: Wer soll da mit wem und warum zusammenhalten?</title>
			<link>http://www.herbert-schui.de/article/sozialer-zusammenhalt-wer-soll-da-mit-wem-und-warum-zusammenhalten-1.html</link>
			<description>Die Linke kämpft, so heißt es im Programmentwurf, „für eine andere, demokratische...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext">Kann es bei der „Vorherrschaft des Kapitals“, d.h.Kapitalismus, sozialen Zusammenhalt geben? Im eigentlichen Wortsinn nicht, denn der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist ja ständige Auseinandersetzung, er bedeutet Niederlagen und Siege für die eine oder die andere Seite, aber nie Klassenfrieden und Harmonie. Denn was ist beispielsweise los, wenn Gewerkschaften und Unternehmensverbände zusammenhalten? <br />Eine Passage des Programmentwurfs behauptet, dass „eine Krise des sozialen Zusammenhalts entstanden (sei), die eng mit einer Sinnkrise verbunden ist.“ Also muss es „sozialen Zusammenhalt“ und „Sinn“ im Kapitalismus gegeben haben! Kennzeichen dieser Krise sind „zunehmende Unsicherheit und Armut“, die „Angst vor sozialem Absturz, die Spaltung der Erwerbsarbeit in Bereiche der „kreativen Herausforderung“&nbsp; und der „unsinnigsten Arbeit“. Das Bildungssystem trage „zur sozialen und kulturellen Spaltung der Gesellschaft“ bei. <br />All diese Beobachtungen treffen fraglos zu. Richtig ist auch, dass es Zeiten gab, in denen es besser ging. Aber das hatte nichts mit sozialem Zusammenhalt zu tun. Vielmehr hat in diesen Zeiten die Kapitalseite eine Niederlage einstecken müssen – nicht als Ergebnis von sozialem Zusammenhalt, sondern von Konflikt. <br />Sicherlich lässt sich in einer kapitalistischen Gesellschaft ganz nüchtern von einem gesellschaftlichen Zusammenhalt reden. Denn trotz all ihrer internen Konflikte ist diese Gesellschaft bemerkenswert stabil – und dies nicht nur, weil es Regeln für die immanenten Konflikte gibt, so die Koalitionsfreiheit, das Streikreicht, die Demonstrationsfreiheit. Die Absurdität zunehmender Armut bei hoher und steigender Arbeitsproduktivität jedenfalls gefährdet diese Stabilität offenbar nicht. <br />Das 19. Jahrhundert hat sich mit dieser Frage eingehend befasst. Lorenz vom Stein schreibt in seiner „Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich“: „Wenn die nichtbesitzende Klasse die Herrschaft über die Staatsgewalt (…) erreichen will, so wird die besitzende Klasse ihr natürlicher und unversöhnlicher Feind sein, und der Staat wird der Gewalt der Waffen und damit dem Untergang der Freiheit anheimfallen (...). Dasselbe sei der Fall, „wenn die besitzende Klasse die Herrschaft über die Verwaltung wesentlich im Interesse des Besitzes ausübt“. Stabilität erwartet vom Stein dann, wenn „die besitzende Klasse die Staatsverwaltung im Sinne der nichtbesitzenden Klasse zur Hebung des Loses der Arbeiter“ nutzt. Das Los der Arbeiter also solange heben, bis sie Ruhe geben. Und da sie im Augenblick trotz allem Ruhe halten, kann die besitzende Klasse ungestört weiter ihr Interesse durchsetzen. <br />Das zu deuten als „Krise des sozialen Zusammenhalts (…), die eng mit einer Sinnkrise verbunden ist“, fällt schwer. Zu klären ist doch vielmehr, warum Konflikte im Bereich Arbeit und Soziales ausbleiben, warum innerhalb der Linken da und dort kritisiert wird, dass die soziale Frage im Programm zu sehr betont wird. <br />Zu klären ist auch, warum die Mehrheit der Bevölkerung die Möglichkeiten, die ihr die bürgerliche Demokratie eröffnet, nicht nutzt, warum sie sich über den potentiellen Umsturzcharakter der Demokratie, so Jacob Burckhardt, offenbar nicht im Klaren ist. Gegenwärtig scheint Tocqueville Recht zu haben mit seiner Bemerkung in „Die Demokratie von Amerika“ (geschrieben in den Jahren 1835-40), dass es sich bei der Demokratie um „eine Art der geregelten, milden und friedlichen Knechtschaft“ handelt, die „sich besser, als man glaubt, mit einigen äußeren Formen der Freiheit vertragen“ kann. <br />Womit wir es gegenwärtig zu tun haben, ist nicht die Krise eines sozialen Zusammenhalts, sondern milde und friedliche Knechtschaft unter der Vorherrschaft des Kapitals. Die ist im Augenblick offenbar genug gefestigt. Sozialer Ausgleich, die „Hebung des Loses der Arbeiter“, ist nicht nötig. Stattdessen wird versucht, Zusammenhalt ideologisch durch die Herstellung von Homogenität, also von Gleichartigkeit zu erreichen. Hierher gehört Merkels Parole vom Volk als Schicksalsgemeinschaft (Regierungserklärung November 2005) oder der Erweckungsruf „Du bist Deutschland“ (2005/06). (Völkischer Mief deutet sich an.) Zu beachten ist aber: Zwar ist Homogenität der Gesellschaft ein Mittel zur Integration verschiedener sozialer Erwartungen und Rechtfertigungen, zugleich aber ist sie auch Mittel für Ausgrenzung, Denunziation, Verfolgung und Gewalt. Deswegen die Zunahme von Rassismus, Faschismus, von dem im Programmentwurf im Abschnitt zum sozialen Zusammenhalt die Rede ist. </p>
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			<pubDate>Sat, 03 Dec 2011 22:54:00 +0100</pubDate>
			
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			<title>EZB muß eingreifen</title>
			<link>http://www.herbert-schui.de/veroeffentlichungen/zeitungsartikel/zeitungsartikel/article/ezb-muss-eingreifen.html</link>
			<description>Kapitalismus bremst Investitionen. Möglichkeiten der Geldanlage begrenzt. Überschüsse zum Teil mit...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><a href="http://www.jungewelt.de/" title=""Zur Startseite" target="_blank" >http://www.jungewelt.de/</a></p><div><p class="bodytext">&nbsp;</p>
<p class="bodytext">&lt;//font&gt;</p></div><p class="bodytext"><i><br /></i>Der Grund für die steigende Staatsverschuldung in den entwickelten Ländern liegt tiefer, als manche bürgerliche Kommentatoren glauben machen. Die Ursache ist die Unfähigkeit des Kapitalismus, die Probleme dieser Länder zu lösen. Zwei Merkmale stechen besonders hervor: Das Kräfteverhältnis im System minimiert den Massenkonsum. Und der Entwicklungsstand des Systems beschränkt die Investitionsmöglichkeiten. Die Gelegenheiten, Kapital zu reinvestieren, sind begrenzt. Folglich kann es nicht gelingen, die fehlende Konsumnachfrage durch eine steigende Investitionsgüternachfrage auszugleichen.<br /><br />Über die Folgen klärte der britische Nationalökonom John Maynard Keynes auf: »Wenn in einem potentiell reichen Gemeinwesen die Anreize zu investieren schwach sind, wird es das Prinzip der effektiven Nachfrage, trotz seines potentiellen Reichtums, zwingen, seine tatsächliche Produktion zu verringern.« Dieser Prozeß dauere so lange an, bis das Gemeinwesen so arm geworden ist, »daß sein Überschuß über seinen Verbrauch genügend verringert worden ist, um den schwachen Anreizen zu investieren zu entsprechen«. Um den hohen Überschuß von Ersparnissen zu mindern, schlägt Keynes einer dauerhafte Umverteilung zugunsten der niedrigen Einkommen vor. Die nationalen Regierungen gehen lieber den Weg des geringsten Widerstands und erhöhen ihre Staatsdefizite. Diese absorbieren einen Teil des Überschusses, der nicht in Form von Investitionsgütern nachgefragt wird. Und die Defizite sind politisch leichter durchzusetzen als Steuern für die Reichen.<br /><br />In Europa hat sich die Staatsverschuldung jetzt zu einer Krise entwickelt. Um sie zu lösen, kommt es nun darauf an, die niedrig bewerteten staatlichen Schuldpapiere abzuschreiben und aus dem Markt zu nehmen. Weiter muß es für die Euro-Länder möglich bleiben, auslaufende Kredite durch neue zu ersetzen. Das können Euro-Bonds leisten. Möglich ist aber auch, daß die Europäische Zentralbank (EZB) diese Funktion übernimmt. Sie erwirbt die Staatsschuldtitel zu ihrem Kaufpreis, im Falle Griechenlands also zu 35 Prozent des Nennwerts. Im Gegenzug räumt sie den bisherigen Inhabern Guthaben bei der EZB mit niedriger Verzinsung ein. Diese Konten funktionieren wie gesetzliche Mindestreserven. Der direkte Zugriff ist blockiert.<br /><br />Um Herr über das gegenwärtige Chaos zu werden, muß die EZB aber Schulden ohne diesen Umweg aufkaufen. Das stabilisiert deren Kurs und ermöglicht den Defizitstaaten selbst niedrige Zinsen. Die Intervention ist unausweichlich. Sie wird in den USA und Großbritannien bereits erfolgreich praktiziert. Ein steigendes Preisniveau, also eine Inflation, ist deswegen nicht zu erwarten. Denn das aktuelle Problem besteht darin, daß es zu wenig Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen gibt, nicht zu viel, und daß das Risiko einer langanhaltenden Wirtschaftskrise mit sinkenden Preisen zunimmt. Falls die EZB mit ihren Aufkäufen tatsächlich einmal zu viel Liquidität schafft, die Geschäftsbanken zu viel Kredit vergeben und die güterwirtschaftliche Nachfrage das Angebot übersteigt, dann kann die Notenbank mit höheren gesetzlichen Mindesteinlagen rasch und wirksam gegensteuern.<br /><br />Hauptgegner dieser Lösung ist die Bundesregierung. Das überrascht insofern, als nicht nur der europäische Rettungsschirm EFSF und die vorgeblichen Krisenstaaten Schwierigkeiten haben, ihre Wertpapiere am Markt unterzubringen. Zuletzt wollte die deutsche Finanzagentur neue Bundesanleihen in Höhe von sechs Milliarden Euro versteigern. Zum vorgegebenen Zinssatz unter zwei Prozent konnte sie aber lediglich ein Volumen von 3,64 Milliarden überhaupt loswerden. Den Rest hat die Bundesbank übernommen und soll ihn nach und nach am Markt verkaufen.<br /><br /><br />So macht die Bundesbank genau das, wogegen sich die deutsche Regierung bei der Europäischen Zentralbank hartnäckig sperrt: Sie kauft unmittelbar Staatsanleihen, um den Kurs und damit den Zins zu stützen. Auf europäischer Ebene hieße das: Die Notenbank legt für Staatsanleihen der Euro-Zone eine Höchstverzinsung fest. Wird diese überschritten, kauft sie Papiere solange, bis der Kurs hoch genug und der Zins entsprechend gering ist. Sie sollte in diesem Rahmen auch unmittelbar von den Staaten Wertpapiere zu einem niedrigen Zins – oder gar zinslos – übernehmen.<br /><br />Daß die EZB zu einer wirklichen Zentralbank wird, also in die Rolle des Kreditgebers der letzten Instanz schlüpft, ist umso dringlicher, als die US-Banken und die britischen Geldhäuser angesichts der Unsicherheit in der Euro-Zone zunehmend ihre Guthaben von europäischen Banken abziehen. Dabei haben sich, so die Agentur Bloomberg, im Gegenzug die Einlagen ausländischer Banken bei der US-Notenbank seit Ende 2010 mehr als verdoppelt. Während der Euro-Krise sind sie auf mehr als 715 Milliarden Dollar angewachsen. Damit verliert der Euro als Leitwährung an Bedeutung. Das kann zu großen Liquiditätsklemmen für die Banken in der Euro-Zone führen.<br /><br />Grundsätzlich ist nicht einzusehen, warum die Zentralbank einzig auf der Grundlage privater Schuldtitel Geld schöpfen soll. Denn Praxis der Bundesbank und anderer Notenbanken ist es, zufließende US-Dollar-Devisen in amerikanische Staatsanleihen zu investieren. Damit finanziert die Bundesbank das Staatsdefizit der USA. Was aber gegenüber Washington zulässig ist, kann beim Erwerb heimischer Staatsschuldtitel nicht schädlich sein.</p><div></div><div></div><div></div><div></div><div></div><div></div><div></div>]]></content:encoded>
			<category>Zeitungsartikel</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 01 Dec 2011 18:28:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Das teure Scheitern des Neoliberalismus</title>
			<link>http://www.herbert-schui.de/veroeffentlichungen/zeitungsartikel/zeitungsartikel/article/das-teure-scheitern-des-neoliberalismus.html</link>
			<description>Im Februar 1996 fand Hans Tietmeyer (damals Präsident der Deutschen Bundesbank, seit 2000...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext">Im Februar 1996 fand Hans Tietmeyer (damals Präsident der Deutschen Bundesbank, seit 2000 Kuratoriumsvorsitzender der „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Initiative_Neue_Soziale_Marktwirtschaft" title="Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" target="_blank" >Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft</a>“) auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sehr klare Worte zur Aufgabe der Finanzmärkte: „Die Rolle der Finanzmärkte als Kontrollinstanz der Politik“, so Tietmeyer, „wird immer wichtiger.“ Die Finanzmärkte erhielten die Chance, die Politiker im Zuge der wachsenden politischen und wirtschaftlichen Integration zu disziplinieren. „Ich habe aber bisweilen den Eindruck, dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden.“ (FAZ 3.2.1996).<br /><br />Das Ergebnis der „Finanzmärkte als Kontrollinstanz der Politik“ ist die Finanzkrise. Damit ist bewiesen: Die Politik muss die Finanzmärkte kontrollieren – und nicht umgekehrt. Aber mehr noch: Es muss eine Kontrolle sein im Interesse der Mehrheit, also eine demokratische Kontrolle, nicht aber nur eine politische Stabilisierung dieser Märkte, damit die Anleger sich bei ihrer Finanzalchemie nicht selbst austricksen. Und was für die Finanzmärkte grundsätzlich gilt, trifft ganz besonders für den Euro zu. Europa war bei seiner Einführung noch nicht genug geeint. Es fehlten zu viele europäische Einrichtungen, besonders, um die Haushaltspolitik der einzelnen Länder zu koordinieren und mit der Geldpolitik der europäischen Zentralbank abzustimmen. Und es fehlte vor allem der gemeinsame Wille, mit den Gemeinschaftseinrichtungen ein <i>soziales</i> geeintes Europa zu schaffen. <br /><br />Das soziale Europa wollen die gegenwärtigen Regierungen nicht. Aber wollen sie nicht wenigstens die Krise in den Griff kriegen? Denn mittlerweile ist doch klar, dass nicht die Finanzmärkte die Politik kontrollieren darf – und das auch dann nicht, wenn die Politik dem Kapital treu dienen will. Die deutsche Regierung hat das noch nicht begriffen. „The economic consequences of Herr Steinbrueck“ seien, so Nobelpreisträger Paul Krugman (New York Times 11.12.2008), dass die überaus wichtige Koordination der europäischen Politik an der Weigerung der deutschen Politiker scheitere. Wenn Deutschland eine wirksame europäische Reaktion auf die Krise verhindere, dann trage es maßgeblich zu einem globalen Niedergang bei, dann werde sich die „Holzköpfigkeit“ („the boneheadedness“) der deutschen Regierung vervielfältigen. <br /><br />Das ist mittlerweile der Fall. Starrsinnig wird an Ausgabenkürzung in den Problemländern festgehalten. Das senkt deren Bruttoinlandsprodukt, mindert die Steuereinnahmen und steigert ihr Staatsdefizit um ein Weiteres. Dieses Herangehen ist teils Dummheit, teils List. Die List ist, die Gunst der Stunde zu nutzen wo immer es geht, um ein weiteres Stück Sozialstaat zu beseitigen. Die Dummheit kritisieren die Schwellenländer und die US-Regierung: Allein mit brutalen Sparmaßnahmen, wie die deutsche Regierung sie erzwinge, sei Griechenland nicht zu retten, so der US-Finanzminister Geithner. Die deutsche Regierung allerdings will gegenüber Griechenland ein noch strenges Regiment einführen. Aber alles, was über diese Kürzungsforderungen an pragmatischen Erfordernissen hinausgeht, um auch nur den Finanzsektor zu stabilisieren, ist vage und widersprüchlich. Die deutsche Politik geht Kompromisse ein, um sie sogleich wieder zu hintertreiben, sie ist überfordert. „The German ‘Eiertanz’“, kommentiert die wirtschaftsnahe Agentur Bloomberg am 26 September 2011, „is still in full swing.“<br /><br />Die Lage entschärfen könnten jetzt Euro-Bonds. Das senkte die Zinsen für die Problemländer. Denn niedrigere Zinsausgaben bedeuten, dass der Staat im Inland mehr ausgeben kann. Das erhöht das Bruttoinlandsprodukt um ein Vielfaches und bringt mehr Steuereinnahmen. (Zu beachten ist hier der Einkommensmultiplikator, der dann in die positive Richtung wirkt.) Merkel hält dagegen. In der ARD bei Jauch sagt sie am 25.9.2011: „Euro-Bonds, die Vergemeinschaftung aller Schulden, das ist der absolut falsche Weg.“ Also dann weiter mit hohen Zinsen und zögernden Finanzhilfen? Aber weil aufgrund des Sparens die Defizite in den Problemländern immer größer werden, müssen auch die Finanzhilfen ansteigen. Diese Einsicht dämmert langsam. Deswegen ist nun vermehrt von einer umfangreichen Teilabschreibung der griechischen Schulden die Rede – zunächst zu Lasten der Banken und anderer Gläubiger, schließlich aber zu Lasten der öffentlichen Haushalte, die den Banken neues Eigenkapital zuführen müssen. <br /><br />Aber auch wenn es so gelingt, die akute Eurokrise einzudämmen: Solide ist das Fundament der Gemeinschaftswährung dann immer noch nicht. Bei der Einführung des Euro 2002 war der Fachwelt klar: Es sei riskant, die gemeinsame Währung <i>vor</i> den institutionellen Karren der europäischen Einigung zu spannen. Stattdessen müsse zuerst die politische Einigung Europas mit den entsprechenden Einrichtungen genug voran gebracht werden. Dieser Mangel sollte mit dem europäischen Verfassungsentwurf von 2004 nachträglich behoben werden, der dann aber in Frankreich und den Niederlanden scheiterte. Warum? Der Vertrag sah eine zutiefst neoliberale Verfassung vor: intensiverer Wettbewerb um die Produktionsstandorte mit niedrigen Löhnen und Unternehmenssteuern, keine nennenswerte Verbesserung der Stellung des Europäischen Parlamentes, keine parlamentarische Kontrolle der Europäischen Zentralbank. Der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Lissabon" title="Vertrag von Lissabon" target="_blank" >Vertrag von Lissabon</a> (2007) ist bei dieser Linie geblieben. Von dieser neoliberalen Grundposition will vor allem die konservativ-liberale deutsche Regierung nicht abweichen. Kanzlerin Merkel betont auf der CDU-Regionalkonferenz in Karlsruhe am 26.9.2011, nötig seien „Durchgriffsrechte“, die die Haushalte von Defizitländern „für null und nichtig erklären“. Das heißt, so Merkel bei Jauch: „Griechenland muss Strukturreformen machen, Ausgaben kürzen und privatisieren. Ansonsten wäre es falsch zu helfen.“ Also weniger Altersrente, weniger Lohn im öffentlichen Dienst, Entlassungen dort, öffentliches Eigentum in der Notlage für billig Geld verschleudern. (Zu den stillschweigenden Auflagen gehört, unverändert reichlich Rüstungsgüter aus Deutschland oder Frankreich zu importieren.) Gewiss soll der Kampf gegen den Sozialstaat nicht einzig gegen Griechenland geführt werden, sondern gegen alle Defizit-Länder. Damit ist klargestellt, wie sich Union und FDP, die deutsche Regierung die institutionellen Voraussetzungen für einen funktionierenden Euro im Rahmen einer weiteren europäischen Integration vorstellt. Es soll ein zutiefst unsoziales Europa werden! <br /><br />Wird die Bevölkerung der betroffenen Staaten das hinnehmen? Nach den nächsten Wahlen in den Problemländern wissen wir mehr. Die besonders von Deutschland betriebene Entmachtung der nationalen Parlamente kann eine nationalistische Rechte auf den Plan rufen. Ebenso gut aber kann die Beseitigung der Demokratie (denn das ist der materille Gehalt dieser Entmachtung) einen Ruck nach links auslösen. Am besten wäre, wenn die Protestbewegungen in den betroffenen Ländern an Stärke dazugewinnen und die Politik in die richtige Richtung zwingen. In dieser unklaren Lage überrascht es nicht, wenn die Idee des Kerneuropas wieder in die Debatte kommt. Dieses Europa soll dann offenbar eine neoliberale Festung sein – befreit von den Staaten, deren politische Entwicklung ungewiss ist.<br /><br />Nun hat die Idee eines vereinten Europa viele Quellen. An eine Tradition sollte Die Linke besonders anknüpfen: 1944 verfassten in Genf Vertreter von Widerstandgruppen aus den von Deutschland besetzten Ländern und aus Deutschland selbst einen Deklarationsentwurf für ein vereinigtes Europa. In diesem Text hieß es, „dass das Leben der Völker (…) auf die Achtung der Person, der Sicherheit, (auf) die soziale Gerechtigkeit, die umfassende Nutzung der wirtschaftlichen Hilfsquellen zugunsten der Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit und die autonome Entfaltung des nationalen Lebens begründet sein“ sollte. Dieser Text wurde zu einem großen Teil wörtlich von der Erklärung des „Französischen Komitees für die europäische Föderation“ übernommen (Lyon, Juni 1944). Dieses Komitee war ein Zusammenschluss der südfranzösischen Résistance-Gruppen. Angestrebt wurde eine europäische Bundesregierung. Diese „muss das Ergebnis nicht einer Wahl durch die Nationalstaaten, sondern einer demokratischen und direkten Bestimmung durch die Völker Europas sein.“ Also ein europäisches Parlament, das ohne Beschränkung für die Gesetzgebung des Bundes zuständig ist. <br /><br />Wie nun weiter? 1992 wurde der Vertrag von Maastricht vom <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ischer_Rat" title="Europäischer Rat" target="_blank" >Europäischen Rat</a> unterzeichnet. Dieser Vertrag hat Europa zu dem gemacht, was es heute ist, nämlich zu einer reinen Wirtschafts- und Währungsunion mit viel Wirtschaftsfreiheit und Zug um Zug weniger Sozialstaat. Das aber gefährdet diese Union. Denn Wirtschaftsfreiheit vertieft die kapitalistischen Krisen, und der Kampf gegen den Sozialstaat verschafft dem so geeinten Europa keine Mehrheit bei der Bevölkerung. Das war in den 90er Jahren der Ausgangspunkt für Kampagnen, die ein soziales Europa forderten. Viele der Leute, die diese Kampagnen ins Leben gerufen haben, sind heute bei der Linken. Ob wir das noch mal hinkriegen? <br /><br /><i>Herbert Schui, emeritierter Professor für Ökonomie an der (ehemaligen) Universität für Wirtschaft und Politik in Hamburg (HWP) und Bundestagsabgeordneter der LINKEN von 2005 bis 2010, www.herbert-schui.de</i></p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>]]></content:encoded>
			<category>Zeitungsartikel</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 17 Nov 2011 00:00:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Der Bluff im allgemeinen</title>
			<link>http://www.herbert-schui.de/veroeffentlichungen/zeitungsartikel/zeitungsartikel/article/der-bluff-im-allgemeinen.html</link>
			<description>Die Jagd auf plagierte Dissertationen könnte Politikern das Schaumschlagen abgewöhnen / von Herbert...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><br /><br />Der Gründer der Plagiate-Plattform Vroniplag wurde Anfang August von Bild enttarnt. Martin Heidingsfelder ist Mitglied der SPD. Damit ist für die Zeitung auch geklärt, worum es eigentlich geht, wenn grober Pfusch bei Doktorarbeiten aufgeklärt wird: Die SPD will den Regierungsparteien am Zeug flicken! Und wenn es tatsächlich so wäre? Stoff gibt’s genug. Denn allemal sind in der Merkel-Regierung zwölf Minister promoviert. In der Schröder-Regierung waren es nur vier.<br /><br />In der Tat bringt Pfusch bei der Dissertation Politiker zu Fall. Das ist neu, denn bis jetzt kamen Politiker meistens um ihren Posten, weil sie den (sprichwörtlichen) silbernen Löffel gestohlen oder, das aktuelle Beispiel, eine Liebschaft mit einer 16jährigen hatten. Jetzt aber sind die Plagiatsjäger zu gefürchteten Feinden geworden. Das ist ärgerlich. Nicht wegen der Plagiatsjäger, sondern weil Politiker nur schwer aus dem Amt zu bringen sind, wenn sie bei ihrer Aufgabe ganz offensichtlich versagen. Der Angriff von außen dagegen – so der Nachweis des Plagiats – hat Erfolg.<br /><br />Was erklärt diese Asymmetrie? Politiker kommen ihrem Amt vielfach wie Schauspieler nach: Sie inszenieren ihr Geschäft, statt einen ernsthaften Plan zur Lösung drängender Gegenwartsfragen zu erarbeiten. Es wird eine Scheinwelt arrangiert mit vielen– auf Anhieb – plausiblen Erklärungen und Ausreden. Damit sinken die Chancen für einen erfolgreichen, gezielten politischen Angriff. (Erst wenn der Mangel zu offensichtlich ist, wird das fehlende Profil beanstandet: Die Kritik an der Regierung Merkel, auch aus den eigenen Reihen, ist hierfür ein Beispiel.)<br /><br />Dieses Politikaster-Theater hat eine doppelte Wirkung: Es ermutigt zum Angriff von außen, und es ist auch der tiefere Grund, warum sich Politiker ohne ernsthaftes Interesse an wissenschaftlicher Forschung eine Promotion zulegen wollen. So kommt es zu Plagiaten und der Jagd auf sie. Denn was sonst als Schein sind die Doktorarbeiten von Silvana Koch-Mehrin, Karl-Theodor zu Guttenberg und anderen Leuten? Was diese Unverfrorenen so selbstsicher gemacht hat, war die Politikerwelt, in der sie lebten. Da ist der Bluff legitim, er gilt als Kunst. Forsch, wie sie sind, haben sie diese Praxis beim Anfertigen ihrer Arbeit beibehalten.<br /><br />Wenn aber eine Politiker-Promotion einfach dazu dient, sich in Szene zu setzen, dann treffen zwei Welten aufeinander: Denn, wie gesagt, viele Politiker zählen zu ihrem Handwerk die Kunst, Schein zu inszenieren – meistens in Zusammenarbeit mit Journalisten und PR-Leuten. Der Fall Guttenberg ist eine gute Illustration. (Mehr zu dieser Inszenierungskunst findet sich in den Veröffentlichungen von Thomas Meyer: »Politik als Theater. Die neue Macht der Darstellungskunst« oder »Die Inszenierung des Politischen. Zur Theatralität von Mediendiskursen«.) Wissenschaftler dagegen sind vom Grunde her auf der Suche nach der Wahrheit. Dies ist keine moralische Wertung. Sie sind nicht die besseren Menschen, aber ein Naturwissenschaftler beispielsweise, der in der Raumfahrt arbeitet, kann nicht so tun, als ob die Rakete flöge. Nein, die Rakete muß wirklich fliegen. Grundsätzlich läuft alles darauf hinaus, daß wissenschaftliche Ergebnisse zur Kontrolle angeboten werden. Das Ansehen des Forschers hängt von der Überprüfung und Bestätigung seiner Ergebnisse ab. Politiker dagegen überleben oft, weil sie mit ihrer Darstellungskunst und viel Medientheater die Öffentlichkeit von irgendetwas überzeugen können, das es in Wahrheit nicht gibt – dies wenigstens solange, wie das Wahlvolk sich nicht im klaren ist über sein Interesse oder sich ganz einfach hinters Licht führen läßt.<br /><br />Politiker haben zu diesem Zweck eine eigene, oft suggestive Sprache entwickelt: Sie setzen Themen, statt zu sagen, daß sie eine offene Frage lösen wollen. Sie kommunizieren oder vermitteln dem Wahlvolk etwas. Wenn aber das, was sie mitteilen, Unsinn ist oder dem Mehrheitsinteresse völlig entgegensteht, dann reden die Politiker gerne von einem Kommunikations- oder Vermittlungsproblem, statt zuzugeben, daß sie eine wichtige Frage gar nicht angehen, sondern nur so tun, daß sie sich geirrt haben oder daß die Mehrheit, der sie ja verpflichtet sind, ein anderes Interesse hat.<br /><br />Eine wissenschaftliche Untersuchung dagegen erfordert eine analytische Sprache, keine Politikasterlyrik. Denn diese schafft keine Klarheit, keine Einsichten. Im Gegenteil: Sie vernebelt. In der Praxis allerdings unterscheiden sich Wissenschaft und Politik nicht immer in dieser Eindeutigkeit. Auch Politiker können redlich sein, nicht um der reinen Macht willen nach der Macht streben, sondern weil sie einen klaren Plan haben, für den sie werben und den sie verwirklichen wollen. Auf der anderen Seite gibt es nicht wenige Wissenschaftler, die es mit der Liebe zur Wahrheit nicht sehr ernst meinen. Das ist besonders dann der Fall, wenn der Gegenstand ihrer Forschung das Ziel von gut organisiertem Interesse ist, von dem sie in Dienst genommen werden. (Drittmittel sind eine subtile Form hiervon.) Nicht nur die Wirtschaft und damit die Wirtschaftswissenschaft sind hierfür ein gutes Beispiel. Ähnliches findet sich im Bereich der Atomindustrie. Auch hier behaupteten Wissenschaftler solange, die Atomkraft sei absolut sicher, bis eine Katastrophe auf einen Schlag das Gegenteil bewies.<br /><br />Die Jagd nach Plagiaten ist bedeutender, als man auf Anhieb meinen sollte: Es geht nicht nur um erschlichene akademische Titel, sondern um den Bluff im allgemeinen. Erfolgreiche Plagiatsjäger jedenfalls sind nicht nur gut für die Wissenschaft: Sie können auch dazu beitragen, Politiker vom Schaumschlagen abzubringen.<br /><br /><sub>Der Autor war von 1980 bis 2005 Professor für Volkswirtschaftslehre in Hamburg und wurde 2005 und 2009 für Die Linke in den Bundestag gewählt.</sub><br />&#8232;<br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Zeitungsartikel</category>
			
			
			<pubDate>Tue, 20 Sep 2011 22:55:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Zu viel Erwerbsarbeit im Programm?</title>
			<link>http://www.herbert-schui.de/veroeffentlichungen/zeitungsartikel/zeitungsartikel/article/zu-viel-erwerbsarbeit-im-programm.html</link>
			<description>Herbert Schui</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><br />Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Ungefähr 10 Millionen suchen Arbeit, wenn all diejenigen mitgezählt werden, die nicht registriert sind, die eine Teilzeitarbeit haben oder eine Vollzeitstelle, aber nicht davon leben können. Und weiter: Niedriger Lohn, schlecht bezahlte Leiharbeit, befristete Arbeitsverhältnisse, keine Sozialversicherung. Der Stress bei der Arbeit nimmt zu. Das ist Grund genug für eine linke Partei, sich um Erwerbsarbeit zu kümmern. Gibt es eine andere Partei, die das kompromisslos tut? &nbsp;<br /><br />Damit aber sind weitere Bereiche menschlicher Tätigkeit noch nicht angesprochen, nämlich, so Frigga Haug, die Arbeit an sich selbst und an anderen Menschen, Arbeit, um schlummernde Anlagen lebenslang lernend zu entfalten, das politische Eingreifen in die Gesellschaft. Deswegen die Forderung an den Programmentwurf, ins Leben im Vier-Viertel-Takt aufzubrechen: ein Viertel Erwerbsarbeit, ein Viertel Reproduktionsarbeit, ein Viertel für Muße, Kunst und Kultur und, um das Ganze komplett zu machen, ein Viertel Politik. <br />Nun steht die Erwerbsarbeit in einem logischen Zusammenhang zu den anderen drei Arbeitsarten: Eine steigende Arbeitsproduktivität eröffnet die Möglichkeit der Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Damit mehr Zeit für mehr Reproduktionsarbeit. („Samstags gehört Vati mir“ war die Parole beim Kampf um die 40-Stunden-Woche.) Weiter die Humanisierung der Arbeitswelt. Wir wollen weniger abgekämpft von der Arbeit kommen und tatsächlich in der Lage sein, uns nach Feierabend&nbsp; um andere Dinge zu kümmern. Vor allem aber darf nicht unterschätzt werden, dass die Arbeit in den Nicht-Erwerbsarbeits-Bereichen durch einen angemessenen öffentlichen Dienst unterstützt und ergänzt wird. Darüber findet sich bei den Parteigängern des Vier-Viertel-Takts nichts. (Wieso eigentlich?) Denn wenn etwa Kinder groß zu ziehen, wenn Kranke und Alte zu pflegen sind, dann wünschen wir uns, dass wir damit nicht allein gelassen werden. Schließlich sollte die Erziehung in der Familie ihre Ergänzung findet in einem guten öffentlichen Erziehungswesen. Ähnliches gilt für die häusliche Pflege der Kranken und Alten. Und sicherlich hilft bei Kunst und Kultur individuelle Arbeit voran, aber viel zum Erfolg tragen öffentliche Bildungseinrichtungen, Büchereien, Theater, Museen bei. <br />Die wirtschaftliche Grundlage dieser öffentlichen Unterstützung und Ergänzung bei der Nicht-Erwerbsarbeit ist die Erwerbsarbeit in der herkömmlichen Produktion. Sie wird im Rahmen eines Systems umfassender Arbeitsteilung geleistet. In einem entwickelten Industrieland nämlich kann niemand mehr alles selbst herstellen, was er braucht. (Die Herstellung von Nahrungsmitteln kann als Beispiel dienen.) Sicherlich wird es den Kapitalisten so möglich, Mehrwert abzuschöpfen. Aber dennoch: Selbst die kapitalistische Lohnarbeit hat ihre Vorteile: Die Teilnahme an der Arbeitsteilung ermöglicht, die eigene spezialisierte Arbeit einzutauschen gegen die Produkte fremder spezialisierter Arbeit. Die Produktivität der Arbeit ist hier ungleich höher als bei Selbstversorgung. Es geht weniger Arbeitszeit drauf, um sich ein bestimmtes Erzeugnis zu verschaffen. Diese Seite der Erwerbsarbeit darf nicht übersehen werden. <br /><br />Bei steigender Produktivität einer Arbeitsstunde muss es einen Verteilungskonflikt geben: Wird das zusätzliche Produkt zu Lohn oder zu Gewinn? Aber nicht nur das ist die Frage: Sehr wichtig sind die Steuergesetze der Parlamente. Wird der Staat am Ergebnis der wachsenden Produktivität der Arbeit beteiligt. Denn nur so lässt sich mehr öffentlicher Dienst in Bereichen wie Erziehung und Bildung, Kultur, Pflege, usw. finanzieren. Oder anders: Alle, die im öffentlichen Dienst arbeiten und die drei anderen Bereiche menschlicher Arbeit unterstützen und ergänzen, müssen mit den für ihren Lebensunterhalt notwendigen Produkten versorgt werden. Diese Produkte stammen aus dem Bereich der Produktion, d.h. der Erwerbsarbeit. Je höher die Produktivität der Arbeit dort, umso mehr Leute können versorgt werden, die außerhalb dieses Bereiches nützliche Arbeit leisten. Diese unterstützende Arbeit ist ebenfalls Erwerbsarbeit. Davon brauchen wir mehr. Das muss unter Linken nicht weiter begründet werden. <br />Halten wir also fest: Wenn bei steigender Arbeitsproduktivität mehr Steuereinnahmen und damit mehr öffentlicher Dienst durchgesetzt wird, dann hilft das der Arbeit an sich selbst und an anderen Menschen, der Arbeit, um schlummernde Anlagen lebenslang lernend zu entfalten, dem politischen Eingreifen in die Gesellschaft voran. Oder allgemeiner: Der Sozialstaat, die soziale Absicherung, das sind ganz wichtige Voraussetzungen, damit Raum und Zeit bleibt für alle Nicht-Erwerbsarbeit. Denn wie kann sich (beispielsweise) jemand wirklich um seine Kinder kümmern, wenn sie oder er zehn Stunden für die Erwerbsarbeit unterwegs ist. Wie schlummernde Anlagen lebenslang lernend entfalten, politisch in die Gesellschaft eingreifen, wenn es an sozialer Absicherung fehlt, wenn einen die Sorgen vor der Zukunft auffressen? Die Sicherheit, die da notwendig ist, stammt aus den Steuern, die der Staat bei der Warenproduktion, d.h. der Entstehung der Lohn- und Gewinneinkommen und beim Verkauf der Waren (Mehrwertsteuer) einnimmt.<br /><br />Das große Kollektiv Staat, als Bund, als Land, als Gemeinde, muss den Raum schaffen zur Entfaltung der kleinen Kollektive und der Individuen. Wenn wir das als Fortschritt ansehen, dann ist die Arbeit im produzierenden Bereich und die Zunahme ihrer Produktivität die Grundlage für zivilisatorischen Fortschritt. Das ist zu beachten, wenn von der Bedeutung der Erwerbsarbeit die Rede ist. Damit befasst sich der Programmentwurf in vielen Abschnitten sehr ausführlich. &nbsp;<br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Zeitungsartikel</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 14 Sep 2011 23:18:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Sozialer Zusammenhalt: Wer soll da mit wem und warum zusammenhalten? </title>
			<link>http://www.herbert-schui.de/article/sozialer-zusammenhalt-wer-soll-da-mit-wem-und-warum-zusammenhalten.html</link>
			<description>Die Linke kämpft, so heißt es im Programmentwurf, „für eine andere, demokratische...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext">Kann es bei der „Vorherrschaft des Kapitals“, d.h.Kapitalismus, sozialen Zusammenhalt geben? Im eigentlichen Wortsinn nicht, denn der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist ja ständige Auseinandersetzung, er bedeutet Niederlagen und Siege für die eine oder die andere Seite, aber nie Klassenfrieden und Harmonie. Denn was ist beispielsweise los, wenn Gewerkschaften und Unternehmensverbände zusammenhalten?<br /><br />Eine Passage des Programmentwurfs behauptet, dass „eine Krise des sozialen Zusammenhalts entstanden (sei), die eng mit einer Sinnkrise verbunden ist.“ Also muss es „sozialen Zusammenhalt“ und „Sinn“ im Kapitalismus gegeben haben! Kennzeichen dieser Krise sind „zunehmende Unsicherheit und Armut“, die „Angst vor sozialem Absturz, die Spaltung der Erwerbsarbeit in Bereiche der „kreativen Herausforderung“&nbsp; und der „unsinnigsten Arbeit“. Das Bildungssystem trage „zur sozialen und kulturellen Spaltung der Gesellschaft“bei.<br /><br />All diese Beobachtungen treffen fraglos zu. Richtig ist auch, dass es Zeiten gab, in denen es besser ging. Aber das hatte nichts mit sozialem Zusammenhalt zu tun. Vielmehr hat in diesen Zeiten die Kapitalseite eine Niederlage einstecken müssen – nicht als Ergebnis von sozialem Zusammenhalt, sondern von Konflikt.<br /><br /><br />Sicherlich lässt sich in einer kapitalistischen Gesellschaft ganz nüchtern von einem gesellschaftlichen Zusammenhalt reden. Denn trotz all ihrer internen Konflikte ist diese Gesellschaft bemerkenswert stabil – und dies nicht nur, weil es Regeln für die immanenten Konflikte gibt, so die Koalitionsfreiheit, das Streikreicht, die Demonstrationsfreiheit. Die Absurdität zunehmender Armut bei hoher und steigender Arbeitsproduktivität jedenfalls gefährdet diese Stabilität offenbar nicht.<br /><br />Das 19. Jahrhundert hat sich mit dieser Frage eingehend befasst. Lorenz vom Stein schreibt in seiner „Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich“: „Wenn die nichtbesitzende Klasse die Herrschaft über die Staatsgewalt (…) erreichen will, so wird die besitzende Klasse <i>ihr natürlicher und unversöhnlicher Feind</i> sein, und der Staat wird der Gewalt der Waffen und damit dem Untergang der Freiheit anheimfallen (...). Dasselbe sei der Fall, „wenn die besitzende Klasse die Herrschaft über die Verwaltung wesentlich im Interesse des Besitzes ausübt“. Stabilität erwartet vom Stein dann, wenn „die besitzende Klasse die Staatsverwaltung im Sinne der nichtbesitzenden Klasse zur Hebung des Loses der Arbeiter“ nutzt. Das Los der Arbeiter also solange heben, bis sie Ruhe geben. Und da sie im Augenblick trotz allem Ruhe halten, kann die besitzende Klasse ungestört weiter ihr Interesse durchsetzen.<br /><br />Das zu deuten als „Krise des sozialen Zusammenhalts (…), die eng mit einer Sinnkrise verbunden ist“, fällt schwer. Zu klären ist doch vielmehr, warum Konflikte im Bereich Arbeit und Soziales ausbleiben, warum innerhalb der Linken da und dort kritisiert wird, dass die soziale Frage im Programm zu sehr betont wird.<br /><br />Zu klären ist auch, warum die Mehrheit der Bevölkerung die Möglichkeiten, die ihr die bürgerliche Demokratie eröffnet, nicht nutzt, warum sie sich über den potentiellen Umsturzcharakter der Demokratie, so Jacob Burckhardt, offenbar nicht im Klaren ist. Gegenwärtig scheint Tocqueville Recht zu haben mit seiner Bemerkung in „Die Demokratie von Amerika“ (geschrieben in den Jahren 1835-40), dass es sich bei der Demokratie um „eine Art der geregelten, milden und friedlichen Knechtschaft“ handelt, die „sich besser, als man glaubt, mit einigen äußeren Formen der Freiheit vertragen“ kann.<br /><br />Womit wir es gegenwärtig zu tun haben, ist nicht die Krise eines sozialen Zusammenhalts, sondern milde und friedliche Knechtschaft unter der Vorherrschaft des Kapitals. Die ist im Augenblick offenbar genug gefestigt. Sozialer Ausgleich, die „Hebung des Loses der Arbeiter“, ist nicht nötig. Stattdessen wird versucht, Zusammenhalt ideologisch durch die Herstellung von Homogenität, also von Gleichartigkeit zu erreichen. Hierher gehört Merkels Parole vom Volk als Schicksalsgemeinschaft (Regierungserklärung November 2005) oder der Erweckungsruf „Du bist Deutschland“ (2005/06). (Völkischer Mief deutet sich an.) Zu beachten ist aber: Zwar ist Homogenität der Gesellschaft ein Mittel zur Integration verschiedener sozialer Erwartungen und Rechtfertigungen, zugleich aber ist sie auch Mittel für Ausgrenzung, Denunziation, Verfolgung und Gewalt. Deswegen die Zunahme von Rassismus, Faschismus, von dem im Programmentwurf im Abschnitt zum sozialen Zusammenhalt die Rede ist. </p>
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			<pubDate>Fri, 15 Jul 2011 00:00:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Jenseits der Investitionsquote </title>
			<link>http://www.herbert-schui.de/veroeffentlichungen/zeitungsartikel/zeitungsartikel/article/jenseits-der-investitionsquote.html</link>
			<description>Entwickelte Industrie, schrumpfende Bevölkerung, mehr Umweltschutz – geht das alles überhaupt mit...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><br /><br />Die Investitionsmöglichkeiten in den entwickelten Industrieländern sind begrenzt. Dies hat zwei Gründe: Erstens ist angesichts des erreichten, hohen Entwicklungsstandes der Umfang der Modernisierungsinvestitionen beschränkt. Dies steht im Gegensatz zu den neu industrialisierten Ländern, wo die Basis für eine industrielle Produktion erst geschaffen wird. Zweitens erfordert eine stagnierende oder sinkende Bevölkerungszahl weniger (oder kein) Wirtschaftswachstum und folglich weniger oder keine Erweiterungsinvestitionen. Ein weiterer, dritter Grund gilt nicht nur für die Industrieländer: Ein ernsthafter Umweltschutz verlangt in vielen Bereichen weniger Produktion und damit weniger Investitionen.<br /><br />In den entwickelten Industrieländern – die Länder der OECD – ist der Anteil der Investitionen am Bruttosozialprodukt niedrig und sinkt, während er in den neuindustrialisierten Ländern etwa in Asien, namentlich China und Indien, hoch ist und ansteigt. In den OECD-Ländern betrug dieser Anteil 1980 noch 24,4 Prozent. 2008 (das Jahr vor der Krise) waren es 20,9 Prozent. Für 2011 erwartet der Internationale Währungsfonds knapp 20 Prozent. Anders dagegen in den neuindustrialisierten Ländern Asiens: Hier betrug die Investitionsquote 1980 bereits 32,1 Prozent. 2008 waren es 38,5 Prozent, und für 2011 wird der Wert auf 41,6 Prozent geschätzt.<br /><br />Die Erklärung für diese Trends und die Niveauunterschiede ist recht einfach: In einem Industrieland ist der Bestand an Realkapital (Fabriken, Eisenbahnen, Straßen) im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt wesentlich höher als in einem Entwicklungsland. Es sind die Fabriken, die Maschinen, die es möglich machen, dass in einem Industrieland in einer Arbeitsstunde viel mehr hergestellt wird als in einem Entwicklungsland. Das macht den (möglichen!) Reichtum eines Industrielandes aus. Industrialisierung heißt dann, dass ein möglichst großer Teil des Bruttoinlandsproduktes in Form von Investitionsgütern hergestellt wird – oder in Form von Exportgütern, mit denen der Kauf von Investitionsgütern im Ausland finanziert wird. Der Weg zum Industrieland erfordert also eine hohe Investitionsquote.<br /><br /><b>Wie im 19. Jahrhundert</b><br />Der Anteil des Konsums am Bruttoinlandsprodukt fällt dagegen entsprechend niedrig aus. Wenn also in sich industrialisierenden Ländern der Lohn vergleichsweise niedrig ist, dann führt das nicht zu einer Schwäche der Nachfrage und damit zu Arbeitslosigkeit und einem niedrigen Wirtschaftswachstum: Der geringe private Verbrauch wird ebenso wie die niedrigen Sozialstaatsausgaben ausgeglichen durch die hohe Investitionsgüternachfrage. In den jetzt industrialisierten Ländern war das im 19. Jahrhundert nicht anders.<br />Für die entwickelten Industrieländer bedeuten diese Zahlen: Die Investitionen (im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt) sind nicht deswegen niedrig, weil die Unternehmen nicht genug gefördert würden, weil die Lohnkosten oder die Unternehmenssteuern zu hoch wären, weil die so genannten Leistungsträger nicht genug hofiert würden, sondern weil – ganz einfach – der erreichte Stand der Industrialisierung vergleichsweise weniger Investitionen erforderlich macht.<br />Wenn aber die Industrialisierung geschafft ist, der Bedarf an Investitionsgütern schwächer wird, dann fällt die Investitionsquote geringer aus. Das könnte der Anfang von herrlichen Zeiten sein: Statt der Investitionsgüter können nun mehr Konsumgüter hergestellt werden – für die, die gegen Lohn arbeiten, für die Alten und für all diejenigen, die nun zusätzlich im öffentlichen Dienst, in den Schulen, den Pflegeeinrichtungen, bei den städtischen Bühnen, beschäftigt werden und mit ihrer Arbeit den allgemeinen Lebensstandard erhöhen. Sicherlich kann auch, wenn sich alle hinreichend versorgt sehen, die Arbeitszeit bei vollem Konsumausgleich, das heißt bei vollem Lohnausgleich gesenkt werden. Diese Lösungen aber erfordern mehr Stundenlohn, höhere Sozialeinkommen oder Staatseinnahmen, also Verteilungspolitik zu Lasten des Gewinns. Halten wir also fest: Der erreichte Stand der Industrialisierung eröffnet die Chance für einen höheren Lebensstandard.<br /><br /><b>Der Anfang herrlicher Zeiten?</b><br />Diese Verteilungspolitik aber wird die Profitrate absenken. Damit geht es um den Lebensnerv des Kapitalismus. Er ist, um zu funktionieren, auf Kapitalrentabilität angewiesen. Wenn aber die Verteilungspolitik die Produktion wegen unzureichender Rentabilität lahmlegen würde, dann muss ein anderes Produktionsmotiv her – wenigstens für diejenigen Unternehmen, die sehr hohe Renditen fordern, um die Produktion fortzuführen. Über die noch notwendigen Investitionen, über den Produktionsstandort muss dann politisch entschieden werden. Es ist aber sehr fraglich, ob die erforderliche politische Entscheidung mit privatem Eigentum an den betreffenden Produktionsmitteln vereinbar ist. Gemeineigentum ist die Lösung. Hier kann die Produktion bei niedrigen Überschüssen fortgeführt werden. Die Lösung ist also ein gemischtwirtschaftliches System mit einem sehr großen öffentlichen Sektor. Der mythische Respekt vor uneingeschränkten Eigentumsrechten dagegen kostet Wohlfahrt: Der geringe Bedarf an Investitionsgütern wird nicht genutzt für mehr Konsum und Freizeit. Jede politische Partei, die sich den Fragen der Gegenwart stellen will, muss sich über diesen Punkt restlos im Klaren sein.<br />Ein zweiter Grund für geringe Investitionen ist die demografische Entwicklung. Sicherlich muss zunächst Vollbeschäftigung erreicht werden, das heißt auch Vollzeitbeschäftigung für alle, die das wollen. Für die neuen Erwerbstätigen müssen Fabriken, Werkstätten usw. geschaffen werden. Das erfordert eine Zeitlang zusätzliche Investitionen. Ist aber schließlich Vollbeschäftigung erreicht, und stagniert oder sinkt die Bevölkerungszahl, dann sind keine weiteren Investitionen nötig, denn es muss keine wachsende Zahl von Erwerbstätigen mehr mit Produktionsmitteln ausgerüstet werden. Der Kapitalbestand muss dann nur noch steigen, wenn im Rahmen des technischen Fortschritts der einzelne Erwerbstätige mit mehr und besseren Maschinen et cetera ausgerüstet wird. Das steigert die Arbeitsproduktivität, was die Versorgung erhöhen kann.<br /><br /><b>Mehr Konsum – oder mehr Freizeit</b><br />Aber auch hier stellt sich (ganz wie im Rahmen der erreichten Industrialisierung) die Frage, ob zusätzlicher Konsum gewünscht wird – oder mehr Freizeit. Wenn aber der Kapitalbestand nicht vergrößert werden muss, oder allenfalls geringfügig, um den technischen Fortschritt zu verwirklichen, wenn er sogar bei sinkender Bevölkerungszahl abnehmen kann, dann ist auch kein Gewinn erforderlich, mit dem die Investitionen zu finanzieren wären. Dann läuft auch hier, ganz wie aus den Gründen des erreichten hohen Entwicklungsstandes, alles auf eine Verteilungspolitik zu Lasten des Gewinns hinaus.<br /><br />Es ist also nicht die Versorgung der Alten, die bei sinkender Bevölkerungszahl Sorge bereiten müsste. Diese Frage ist mit Vollbeschäftigung bei steigender Arbeitsproduktivität leicht zu lösen. Und mehr noch: Wenn keine Erweiterungsinvestitionen mehr notwendig sind, dann folgt daraus eine dritte Möglichkeit zur Versorgung der Alten. Denn statt der Investitionsgüter können nun für deren Versorgung vermehrt Konsumgüter hergestellt werden. Bei Licht besehen haben wir demnach nicht ein Problem mit der Demografie, sondern mit dem Kapitalismus: Nicht die Altersversorgung ist die Frage, sondern die Abnahme der Investitionschancen bei niedrigen Geburtenraten. Die Forderung nach mehr Geburten ist dann auch die Forderung nach mehr Investitionschancen. Aber nicht die Kapitalakkumulation muss eine Chance haben, sondern die Vernunft.<br /><br /><b>Green New Deal: Ja, aber</b><br />Das Schwinden der Investitionschancen wird durch die Umweltanforderungen weiter akzentuiert. Es leuchtet unmittelbar ein: Kommt die Gesellschaft zu der Übereinkunft, dass die Produktion dort, wo sie Umweltschäden anrichtet, möglichst nicht weiter steigen soll, dann dürfen die Kapazitäten in diesen Bereichen nicht erweitert werden. Die politische Entscheidung beschränkt hier die Investitionsmöglichkeiten. Zu einem Teil kann dies eine Zeitlang durch Umweltinvestitionen ausgeglichen werden. Das ist das Wachstumsprogramm, das den Grünen als Green New Deal vorschwebt und das die OECD 2009 in ihrer Erklärung zu umweltverträglichem Wachstum empfohlen hat. Für eine bestimmte Zeit können Umweltinvestitionen die Probleme abmildern, die sich aus dem Ende der Industrialisierung und aus der Demografie ergeben.<br /><br />Aber lösen können sie diese Fragen nicht. Und überdies: Die Umweltinvestitionen werden sich nicht mit derselben Automatik ergeben wie die Industrialisierung im Kapitalismus. Nicht die Industriebourgeoisie ist hier die maßgebliche Institution, die diese Investitionen voranbringen könnte, sondern die Politik: Die Entwertung von Kapital, das beispielsweise für Atom, Öl und Kohle steht, werden Wettbewerb und Markt nicht besorgen können. Da ist die Politik gefragt.<br /><br />Deutlich wird so: Der erreichte Entwicklungsstand, die Kombination aus Industrialisierung, Demografie und Umweltproblematik, erfordert einen Umbruch. Er eröffnet enorme Möglichkeiten für bessere Lebensverhältnisse. Mit einem Weiter-So-Kapitalismus aber lassen sich die Chancen nicht nutzen.<br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Zeitungsartikel</category>
			
			
			<pubDate>Sun, 15 May 2011 14:15:00 +0200</pubDate>
			
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			<title>Den Nerv des Kapitalismus treffen</title>
			<link>http://www.herbert-schui.de/veroeffentlichungen/zeitungsartikel/zeitungsartikel/article/den-nerv-des-kapitalismus-treffen.html</link>
			<description>Keynesianische Politik: Was ist das? Hat sie eine Chance bei intensiver internationaler...</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><br /><br /><b>Wem dienen die Abgeordneten? </b><br />Niebel im Jahr 2000 im Deutschen Bundestag<br /><br />Ein marxistischer Standpunkt legt nahe, die gesellschaftliche Wirklichkeit des Kapitalismus auf der Grundlage ihrer Widersprüche zu untersuchen. Ein wesentlicher Widerspruch läßt sich leicht ausmachen: Die Produktivität der Arbeit steigt und ebenfalls die allgemeine Armut. Für Marxisten erklärt sich das aus dem Widerspruch zwischen Produktivkraft und Produktionsverhältnissen. Nachfrage der Kapitalisten nach Konsumgütern – so Marx – ist wegen ihres »Akkumulationsbetriebes« beschränkt, die der Arbeiter wegen der »antagonistischen Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb mehr oder minder engen Grenzen veränderliches Minimum reduziert.« <i>(Karl Marx: Das Kapital, Band 3. In: Marx/Engels Werke, Band 25, Seite 254) </i>Wegen der »Proportionalität der verschiednen Produktionszweige« kann – gegeben der technische Stand der Produktion – die beschränkte Konsumnachfrage nicht ausgeglichen durch mehr Investitionsgüternachfrage. Deswegen gilt: »Je mehr sich (...) die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen.« <i>(ebenda, Seite 255)</i> Konkret fehlt es an Konsumgüternachfrage.<br /><br />Keynes geht derselben Frage nach. Der Wirtschaftstheorie von John Stuart Mill und seinen Nachfolgern hält er vor, daß sie »die Theorien der Unterkonsumtion« in den »Winterschlaf« versetzt hätten: »Ihre Methode war, das Problem vom corpus der Wirtschaftslehre abzuweisen, nicht indem sie es lösten, sondern indem sie es nicht erwähnten.«<i> (John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Berlin 2006, Seite 308)</i><br /><br /><b>Kapitalrentabilität</b><br />Keynesianische Politik läßt sich verstehen als der Versuch, den Widerspruch zwischen Produktivkraft und Produktionsverhältnis zu lösen, wie ja grundsätzlich keynesianische Theorie (das ist nicht einfach Keynes, sondern sind auch Michal Kalecki, Joan Robinson, Nicholas Kaldor und andere) untersucht, unter welchen Bedingungen der bei Vollbeschäftigung hergestellte Wert realisiert werden kann. (Begriffsscholastik allerdings kann mit diesem Vorschlag, marxistisches und keynesianisches Theoretisieren in ein rationales Verhältnis zueinander zu setzen, nicht einverstanden sein. Das ist nicht vereinbar mit ihrem Hang zu bloß begrifflichen Operationen, zu Spekulationen über allgemeinste und abstrakteste Begriffe und zur Unduldsamkeit.)<br /><br />Auch wenn grundsätzlich davon ausgegangen wird, daß sich der Widerspruch zwischen Produktivkraft und Produktionsverhältnis nicht im Kapitalismus lösen läßt, ist die Frage gestellt, ob keynesianische Politik einen Prozeß einleiten kann, der der Überwindung des Kapitalismus voranhilft. Bei der Verteilungspolitik ist dies unmittelbar einsichtig. Diese Politik senkt die Kapitalrentabilität und trifft damit den Nerv des Kapitalismus. Keynes war sich darüber im Klaren, wenn er im Rahmen der Verteilungspolitik fordert, daß die Investitionen gesellschaftlich gesteuert werden müßten. Aber das allein ist nicht keynesianische Politik. Ein niedriger Zins und Defizitausgaben des Staates gehören auch dazu. Beides kann die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auch bei niedrigem Masseneinkommen und hoher Profitrate steigern. (In den Lehrbüchern ist hiervon die Rede. Verteilungspolitik dagegen kommt nicht vor. Eine Verengung der Theorie, die Joan Robinson als Bastard-Keynesianismus kritisiert.) Aber auch dieser ausgedünnte Keynesianismus kommt in Konflikt mit der unternehmerischen Autonomie. Denn niedrige Zinsen eröffnen viele Möglichkeiten für risikoreiche Spekulationen. Enge Regeln für den Finanzsektor wären daher nötig, damit die Niedrigzinspolitik nicht zu einer Finanzkrise wird. Andere Fragen stellen sich bei Defizitausgaben des Staates: Wer zahlt die Zinsen? Sind die Staatsanleihen auf dem privaten Kreditmarkt untergebracht, ist die Verteilungsfrage erneut gestellt. Werden sie bei der Zentralbank untergebracht, muß überschüssige Liquidität mit steigenden Mindestreserven neutralisiert werden. Faktisch sind dann die Staatsanleihen im Ausmaß der höheren Mindestreserven als Zwangsanleihe bei den Banken unverzinst untergebracht. Das muß nicht nur gegen die Orthodoxie der Zentralbanken, sondern auch gegen den Finanzsektor durchgesetzt werden.<br /><br /><b>Verteilungsfrage</b><br />Ist nun keynesianische Wirtschaftspolitik möglich? Eine auf den ersten Blick unnötige Frage, denn nichts anderes war die Politik der Industrieländer, um der Krise einigermaßen Herr zu werden. Sicherlich gibt es Unterschiede: Die USA haben sehr entschieden auf Konjunkturprogramme gesetzt, Deutschland eher auf mehr Exporte bei geringen Löhnen und einem hohen Wirtschaftswachstum in den neu industrialisierten Ländern. Die Verteilungsfrage aber ist in keinem Land angepackt worden. Könnte eine entsprechende Parlamentsmehrheit in Deutschland die Verteilungsfrage angehen, ohne daß sich diese Politik in Nebenwirkungen verheddern müßte?<br /><br />Verteilungspolitik ist in erster Linie Steuerpolitik und Lohnpolitik. In Deutschland werden die Einkünfte der privaten Haushalte und Kapitalgesellschaften aus Geldvermögen und den kumulierten Investitionen (dem Realkapital) nach Angaben von Eurostat im Jahr 2008 (letzte Angabe) mit 23,1 Prozent versteuert. Im Jahr 2000 waren es noch 28,4 Prozent. Das liegt unter dem Durchschnitt der Euroländer (27,2 Prozent im Jahr 2008). Eine Reihe anderer EU-Länder haben einen weit höheren Steuersatz auf diese Einkommen, so beispielsweise Großbritannien (45,9 Prozent), Dänemark (43,1 Prozent) oder Frankreich (38,8 Prozent). Die Gegner von Verteilungspolitik behaupten nun, daß hohe Steuern auf diese Einkommen zu Kapitalflucht führten. Demnach müßte Deutschland, eine Steueroase, einen enormen Zustrom an Direktinvestitionen beispielsweise aus Frankreich erfahren, während Frankreich langsam deindustrialisiert würde. Davon aber ist in den Statistiken nichts zu finden.<br /><br />Also läßt sich keynesianische Verteilungspolitik durchführen trotz der engen Wirtschaftsbeziehungen innerhalb der Euro-Zone. Läge der entsprechende Steuersatz in Deutschland auf französischem Niveau, dann hätte der deutsche Staat im Jahr 2008 rund 102 Milliarden Euro an Steuern mehr eingenommen. Auch 2010 hätte mit zusätzlichen Einnahmen von etwa 100 Milliarden gerechnet werden können. Das sind rund vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Auch ein gesetzlicher Mindestlohn als ein anderer politischer Eingriff in die Verteilung kann ohne Schwierigkeiten eingeführt werden. Allemal haben die größeren EU-Industrieländer Mindestlöhne zwischen 7,20 Euro (Großbritannien) und 8,71Euro (Frankreich).<br /><br /><b>Systemfrage</b><br />Die Frage ist also nicht, daß Deutschland– angesichts von niedrigen Löhnen und Gewinnsteuern im Ausland – keinen Verteilungsspielraum hätte. Vielmehr liefert Deutschland der französischen Regierung und anderen alle Munition, die sie bei ihrer Propaganda brauchen, um die Gewinnsteuern oder die Löhne abzusenken. Man sieht, 100 Milliarden wären leicht einzunehmen (abgesehen von anderen Steuer- und Abgabenerhöhungen zu Lasten hoher Vermögen usw.). Bei der Verteilungspolitik läßt sich also ein Anfang machen, ohne daß die Systemfrage gleich gestellt wäre. Diese Frage kommt dann auf die Tagesordnung, wenn die Arbeitsproduktivität – nach Abzug aller erforderlichen Investitionen – restlos genutzt werden soll für höhere Masseneinkommen, Staatseinnahmen oder Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich.<br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Zeitungsartikel</category>
			
			
			<pubDate>Wed, 13 Apr 2011 16:37:00 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Keine Denkverbote!</title>
			<link>http://www.herbert-schui.de/veroeffentlichungen/zeitungsartikel/zeitungsartikel/article/keine-denkverbote.html</link>
			<description>Fortschritt heißt, das Undenkbare aussprechen</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><br /><br />Der Kampf gegen politische Alternativen hat in Deutschland Tradition: »Denkerclub« – zeitgenössische Karikatur gegen die Karlsbader Beschlüsse von 1819<br /><br />Die Niederlage Napoleons als Schlußpunkt der Französischen Revolution war der Anfang einer langen Restaurationsperiode: Die europäischen Herrscher setzten alles daran, den Absolutismus wiederherzustellen. Markant sind hier die Karlsbader Beschlüsse von 1819. Deren Ziel war die Überwachung der Universitäten, Zensurmaßnahmen zur Einschränkung der Meinungsfreiheit, die Schaffung einer Untersuchungskommission zur Verfolgung Andersdenkender (mit reichlich Spitzeln zur Überwachung) und schließlich die Regelung des militärischen Einsatzes des Deutschen Bundes bei Unruhen in seinen Einzelstaaten.&#8232;&#8232;Wer in dieser Zeit öffentlich gefordert hätte, das Ziel der Französischen Revolution, nämlich eine bürgerliche Demokratie und Republik, weiter zu verfolgen – oder das Ziel der puritanischen Revolution von Cromwell in England –, der wäre wahrscheinlich eingesperrt, in jedem Fall aber massiv beschimpft worden. Man hätte ihm die Schreckensherrschaft Robespierres vorgehalten, die zwei Millionen Toten der Kriege Napoleons, die Opfer des englischen Bürgerkriegs im 17.Jahrhundert, die Hinrichtung von Karl I. in England, von Ludwig XVI. und der Königin Marie Antoinette in Frankreich. Aber nicht nur das: Energisch wäre behauptet worden, daß Demokratie die Herrschaft des Pöbels sei, daß alles im Chaos versinken würde, nachdem dieser die Reichtümer des Landes geraubt und durchgebracht hätte. Demokratie, so weiter, sei vielleicht eine schöne Idee – aber nicht zu verwirklichen.&#8232;&#8232;Historiker (vielleicht weniger überwacht als die Wirtschaftswissenschaftler, die sich an Adam Smith und anderen englischen Klassikern orientieren wollten) hätten dem Verteidiger der Französischen Revolution einige Argumente an die Hand geben können: Robespierre stand unter enormem Druck, die junge Republik gegen die Invasionstruppen zu verteidigen. Er mußte, um es mit dem preußischen General und Zeitgenossen Carl von Clausewitz auszudrücken, »den Krieg zur Sache des Volkes« machen, »eines Volkes von 30 Millionen, die sich als Staatsbürger betrachteten«. Das ließ sich nur erreichen, indem Robespierre auf ein allgemeines und gleiches Wahlrecht lossteuerte – was wiederum den Widerstand der Royalisten und der Gemäßigten verstärken mußte. In diesem Konflikt ging es wirklich nicht so zu, wie das die Erklärung der Menschenrechte von 1789, die Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen, vorgesehen hatte. All diese Argumente der Historiker aber hätten dem Demokraten und Republikaner nichts genutzt. Seine Gegner hätten ihn belehrt, daß die französische Republik es einfach nicht wert war, verteidigt zu werden.&#8232;&#8232;Demokratie und Republik sind nun kein fernes Ziel mehr. Sie sind Wirklichkeit. Damit haben sich neue Fragen aufgetan: Wie ist es mit der individuellen Freiheit bestellt, wenn der einzelne in äußerster Armut lebt? Sollen unmenschliche Arbeitsbedingungen hingenommen werden? Diese soziale Frage hat die menschliche Vorstellungskraft ein weiteres Mal angeregt. Es entsteht in der Mitte des 19. Jahrhunderts die marxistische Vorstellung vom Kommunismus. Er ist eine radikale Absage an den Kapitalismus. Aber was will er – im Positiven?&#8232;&#8232;Zwei Zitate können die Antwort umreißen. Für die neue Gesellschaft gilt: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« (Marx, Kritik des Gothaer Programms). Im Sozialismus als Etappe hin zum Kommunismus würde, so das Verständnis der meisten kommunistischen Parteien, die Losung noch heißen: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung.« Dort also muß es noch Lohn geben für Arbeit, während in einem späteren Stadium dank der technischen Entwicklung eine differenzierte Entschädigung für die Mühe der Arbeit durch Lohn (d.h. Konsumgüter) nicht mehr nötig ist: Die Arbeit ist, wie das Cambridge Dictionary of Philosophy dies auf den Punkt bringt, dann ihre eigene Entlohnung. Der Kontrapunkt sind Gegenutopien, die den Verlust der Freiheit durch die Perfektion von Technik und Wissenschaft beschreiben. Ein Beispiel ist der Film »Moderne Zeiten« von Charlie Chaplin.&#8232;&#8232;Weiter soll in dieser Gesellschaft »die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung (sein) für die freie Entwicklung aller« (Kommunistisches Manifest). Das fordert nicht nur, Handlungen zu unterlassen, die die Freiheit anderer beschränken könnten. Gefragt ist vielmehr, daß die Individuen in ihrer gesellschaftlichen Funktion aktiv handeln, um die Freiheit aller zu ermöglichen. Denn Unterlassen kann Freiheit beschränken.&#8232;&#8232;Sich für diesen so skizzierten Kommunismus zu begeistern – dafür wird sich niemand entschuldigen müssen. Was aber ist der Weg dahin? Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Der Weg, das ist die Serie derjenigen Herausforderungen, denen wir uns stellen. Das ist die Lösung der praktischen Gegenwartsfragen – ein Mindestlohn, Renten, von denen man leben kann, mehr öffentliche, kostenlose Dienstleistungen. Also eine andere Verteilung des Volkseinkommens. Statt Kommunismus Reformen? Die Frage wäre falsch gestellt. Entscheidend ist, daß es bei der Lösung der jeweiligen praktischen Lebensfragen keine Tabus gibt, daß eine Linke sich tatsächlich den Herausforderungen stellt. Weder darf für sie die Fiktion des Leistungsträgers, der durch hohe Steuern entmutigt würde, ein Tabu sein noch das private Eigentum an Großunternehmen, wenn diese ihre wirtschaftliche Macht in politische Macht ummünzen und Veränderungen verhindern. Und auch darf die notwendige Verteilungspolitik nicht dann ihr Ende finden, wenn Unternehmen mit Investitionsboykott oder Produktionsverlagerung drohen. Dann ist Gemeineigentum und damit die politische Entscheidung über Produktion und Investition zweckmäßig und notwendig. Der Weg ist die Lösung praktischer Gegenwartsfragen im Interesse der Mehrheit des Volkes durch die Mehrheit des Volkes. Damit ist der Weg demokratisch. Denn, so Stéphane Hessel in seiner Streitschrift »Indignez-vous!« (»Empört Euch!«): Die Geschichte ist gemacht aus Sachverhalten, die aufeinander folgen, sie bedeutet, Verantwortung zu übernehmen für Herausforderungen. Verantwortung übernehmen treibt die intellektuelle und politische Energie an. Hierbei darf kein Begriff, auch nicht der des Kommunismus, aus dem Wort- und Denkschatz verbannt werden.&#8232;&#8232;Sicherlich, wer wirklich allen Grund hat, mit den gegebenen Verhältnissen zufrieden zu sein, der wird nach neuen Karlsbader Beschlüssen rufen.<br /><br /><sub>Prof. Dr. Herbert Schui ist Ökonom und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen. Er war Mitglied des Bundestags für die Partei Die Linke.</sub><br /><br /></p>]]></content:encoded>
			<category>Zeitungsartikel</category>
			
			
			<pubDate>Thu, 03 Feb 2011 21:20:00 +0100</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Spielverderber Wikileaks</title>
			<link>http://www.herbert-schui.de/veroeffentlichungen/zeitungsartikel/zeitungsartikel/article/spielverderber-wikileaks.html</link>
			<description>Die Internetplattform stört die Politik bei der Inszenierung einer Scheinwelt</description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="bodytext"><br /><br />Gerhard Schröder meinte während seiner Zeit als Kanzler, zum Regieren brauche er nichts weiter als das Fernsehen und die Bild-Zeitung. Und als er 2005 die Wahl verloren hatte, lag das für ihn an einem Vermittlungsproblem: Glotze und Bild hatten offenbar versagt.<br /><br />In der Tat sind Berichte und Kommentare im Fernsehen und den Zeitungen– mal mehr, mal weniger – darauf aus, in Kooperation mit Politikern und PR-Leuten für Massenloyalität gegenüber der Regierung und dem Gesellschaftssystem zu sorgen. Das geht nur, wenn eine Scheinwelt inszeniert wird, wenn die Wahrheit unter die Räder kommt. Dazu gehört symbolische Politik. Sie soll vortäuschen, daß etwas getan wird, wenn es wegen der Krise für die Mehrheit des Volkes schlecht läuft.<br /><br />Thomas Meyer hat in seinem Essayband »Die Inszenierung des Scheins« (1992) diese symbolische Politik so charakterisiert: »Sie schafft Bilder, wo es um Argumente geht. Sie macht Verstellung zur zweiten Natur, wo nur Offenheit helfen kann. Sie versöhnt mit politischem Voyeurismus, wo Einmischung geboten wäre.« Ähnlich Karl Jaspers in seiner »Geistigen Situation der Zeit« (1931): »Wo etwas in der Diskussion Zwingendes nicht mehr gesagt werden kann, hilft eine ad hoc herbeigezerrte Pathetik.«<br /><br />Ein Beispiel ist das sogenannte Demographieproblem: Sicherlich läßt sich die Rentenfrage lösen, wenn der Lohn wenigstens mit der Arbeitsproduktivität steigt, wodurch auch die Einnahmen der Rentenversicherung zunehmen. Wenn aber vom Verteilungskonflikt nicht die Rede sein darf, dann muß als Pathetik der Generationenvertrag her, oder, wie bei der Staatsverschuldung, die Versündigung an den Kindern. (Das macht sich besonders gut, wenn an anderer Stelle Kindesmißbrauch die öffentliche Debatte beherrscht: Wer kreditfinanzierte Konjunkturprogramme fordert, gerät unter der Hand in den Verdacht, ein Konjunkturpäderast zu sein.) Beim Afghanistan-Krieg war pathetisch von Brunnenbohren und Mädchenschulen die Rede; der Irak-Krieg wurde »gegen den Terrorismus« geführt.<br /><br />Die Internetplattform Wikileaks deckt auf, daß der systematische Einsatz von Folter durchweg bekannt und akzeptiert war – auch durch offizielle Stellen, daß es sich also im Gefängnis Abu Ghraib nicht um einmalige Fehlleistungen handelte. Das stört bei der Inszenierung einer Scheinwelt ebenso wie Wikileaks’ zutreffende Informationen über die Zahl der im Irak getöteten Zivilisten. Anderes wiederum ist bekannt – etwa, daß Angela Merkel »selten kreativ« ist und Silvio Berlusconi »unfähig«. Aber ihren Nutzen hat die Information doch: Wer das sagt, muß sich jetzt nicht mehr allein fühlen. Das macht Mut.<br /><br />Wikileaks will »denen zur Seite stehen, die unethisches Verhalten in ihren eigenen Regierungen und Unternehmen enthüllen wollen«. Damit wird es Teil eines Widerstandes, der sich dann herausbilden muß, wenn die Wirklichkeit mit dem Schein offensichtlich nicht mehr übereinstimmt, wenn sich die Leute nicht mehr hinters Licht führen lassen. (Allemal hat es die Propaganda schwer, Absurditäten wie die gleichzeitige Zunahme der Produktivität der Arbeit und der Armut zu erklären: Je absurder die Zustände, um so abstruser die Rechtfertigung.)<br /><br />So läßt sich der Widerstand gegen »Stuttgart 21«, gegen die Nutzung der Atomkraft in Deutschland verstehen. Ähnlich ist es mit den Protesten in vielen Ländern Europas gegen die Beseitigung des Sozialstaates, gegen Lohnsenkungen. Diejenigen, die diesen Protest zu ihrer Sache machen, sind die einzigen, die diese Wirtschaftskrise tatsächlich rasch beenden könnten: Sie müssen die Regierungen zwingen. Denn diese – durchsetzt von der Wirtschaftslobby – können weder intellektuell erfassen, daß sich die Krise nur gegen das Interesse der tonangebenden Geschäftswelt beheben läßt, noch wollen sie sich mit dieser anlegen. Da kann nur manifester Druck und Protest weiterhelfen.<br /><br />Eine wirkliche Opposition muß sich dem System der Inszenierung einer Scheinwelt verweigern. Sie darf sich nicht integrieren. Sie muß Integrationsverweigerer sein. Das fällt sicherlich all denen schwer, die es nicht ertragen können, ausgeschlossen zu sein, die auf dem Sprung sind mitzumachen. Oder mitzuregieren.</p>]]></content:encoded>
			<category>Zeitungsartikel</category>
			
			
			<pubDate>Sat, 08 Jan 2011 14:08:00 +0100</pubDate>
			
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