Mythen auf den Müll

Mythen auf den Müll

Ossietzky Heft 21/2014, S. 742/743 Arnold Venn

Die Reichen werden immer reicher, weil sie die Macht haben, sich einen steigenden Teil der Produktion anzueignen. Zur Festigung ihrer Macht kann ihnen staatliche Repression dienen, aber auch – vorzugsweise – Konfliktvermeidung, Beschwichtigung, Massenmanipulation, Verbreitung von Glaubenslehren zur geistigen Entwaffnung der Armen und von Armut Bedrohten. Mit einigen der zu diesem Zweck kunstvoll geschaffenen Mythen befaßt sich der Wirtschaftswissenschaftler Herbert Schui: »Hoher Lohn schafft Arbeitsplätze – in Fernost; gesetzlicher Mindestlohn kostet Arbeitsplätze; höhere Steuern für Leistungsträger lassen die Wirtschaft erlahmen; Staatsschulden bedeuten, sich an kommenden Generationen zu versündigen, die Altersrente hängt vom Kinderreichtum ab.« Hinter den Parolen – so Schui – stecke allemal die Absicht, jegliches politisches Handeln zu verhindern, das auf eine vernunftgeleitete Nutzung der Arbeitsproduktivität abzielt. Gewollt sei Resignation, schreibt Schui in seinem neuen Buch »Politische Mythen und elitäre Menschenfeindlichkeit«. Ausführlich zeigt er, wie das demokratische Gleichheitsprinzip abgetan wird. Langzeitarbeitslose sollen verächtlich erscheinen, sich sogar selber für schuldig an ihrer Lage fühlen. Jedenfalls sollen sie Herrschaftsstrukturen und -mechanismen nicht durchschauen.

Schui widerlegt etliche Mythen und belegt mit vielen Zitaten elitär-antidemokratische Tendenzen, die in die Nähe des Faschismus führen. Damit macht er sich nützlich, zum Beispiel auch da, wo er entpolitisierende Herrschaftssprache entschleiert. Amüsiert hat mich seine Durchforschung des Koalitionsvertrags von 2013. Da finden sich: Medienlandschaft, Wissenschaftslandschaft, Tariflandschaft, Kinolandschaft sowie zwei verschiedene Kulturlandschaften, ferner Innovationscluster, Spitzencluster, Spitzenclusterwettbewerbe, Schnittmengen zu anderen Clustern, Clusterstrukturen, regionale Cluster von Wissenschaft und Wirtschaft, kurz: viel Geschwätz, vor allem da, wo Absichten nicht zu deutlich hervortreten sollen. Schade, daß Schuis eigene, bisweilen arg barocke Sprache offenbar keinen Lektor gefunden hat.

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