Die Mythen des Bürgertums

junge welt  22.12.2014 / Politisches Buch / Seite 15t

Die Mythen des Bürgertums

Herbert Schui über elitäre Menschenfeindlichkeit

Von Stefan Huth

Wie gelingt es der herrschenden Klasse immer wieder, die Sympathie breiter Schichten der Bevölkerung für ihre Politik zu gewinnen, obwohl diese sich letztlich gegen ihre eigenen Interessen richtet? Mit dieser Frage haben sich linke Theoretiker verschiedener Denkrichtungen seit jeher intensiv befasst. Besonders im Zusammenhang mit dem historischen Faschismus wurde auch sozialpsychologisch (Wilhelm Reich, Erich Fromm) untersucht, wie dieser vermochte, sich eine Massenbasis für seinen verbrecherischen Kurs zu organisieren. In der Gegenwart sind es Phänomene wie der Aufschwung der migrantenfeindlichen »PEGIDA«-Bewegung in Dresden und anderswo, die einer fundierten Erklärung harren – ebenso wie der Erfolg von Buchautoren wie Thilo Sarrazin, die mit Stimmungsmache gegen Minderheiten Millionenauflagen erzielen und als dessen Wortführer den »Extremismus der Mitte« repräsentieren.

Der emeritierte Ökonomieprofessor und Exbundestagsabgeordnete der Linkspartei Herbert Schui unternimmt es in dem Band »Politische Mythen und elitäre Menschenfeindlichkeit«, diesen Erscheinungen analytisch auf den Grund zu gehen. Im Rückgriff auf den Kulturphilosophen Ernst Cassirer (1874–1945) zeigt er auf, wie der politische Mythos, verstanden als »sinnstiftende Erzählung« und »Instrument der Manipulation« zugleich, in unsicheren Zeiten geschickt lanciert wird, um die Bevölkerung auf bestimmte Dogmen einzuschwören, sie auf eine herrschaftsfreundliche Politik zu orientieren. Dazu zählen etwa gängige Erklärungsmuster wie das vom »Leistungsträger«, einem, so Schui, »Schlüsselbegriff der ideologischen Bemühungen«, niedrige Steuern für hohe Einkommen zu rechtfertigen. Insbesondere die Unionsparteien versäumten kaum eine Gelegenheit, um auf einen angeblichen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und ökonomischem Wohlergehen der Eliten hinzuweisen. Einer kritischen Realitätsprüfung halte diese These freilich in keiner Weise stand, ebensowenig wie der »Mythos Staatsverschuldung«, eine laut Schui »unzulässige Analogie«, derzufolge »vom Bekannten (eigenen privaten Schulden) auf das Bedrohliche, die Schulden des Staates« geschlossen werde. Weitere Kapitel befassen sich mit dem Mythos vom Markt und Wettbewerb, dem Export- und dem Demographiemythos sowie der Legende vom »zweiten Wirtschaftswunder« nach den Wahlen 2005, einer Formel, die generell darauf abziele, »mit dem Kapitalismus zu versöhnen«.

Im Prinzip der Auslese im neoliberalen Kapitalismus erkennt Schui das »Bindeglied zwischen Faschismus und entkultiviertem Bürgertum«. Die Unterwerfung unter den Markt mit seinen Zwängen erscheine als »absolut Naturgesetzliches«, die bestehende Ordnung »als einzige, die der Natur des Menschen angemessen ist«. Schuis Fazit seines sehr lesenswerten Kompendiums: »Einer Besserung der gesellschaftlichen Lage stehen die Ideologie und die Lebenspraxis der rabiaten Mittelschicht (…) entgegen« – wobei der Verfall humanitärer Werte mit dem der Bildung einhergehe.

Herbert Schui: Politische Mythen und elitäre Menschenfeindlichkeit – Halten Ruhe und Ordnung die Gesellschaft zusammen?. VSA-Verlag, Hamburg 2014, 128 Seiten, 12,80 Euro

Read Offline: