Das Argument

Das Argument, 314 2015, S. 15f.
Prof. Kornelia Hauser, Universität Innsbruck

Schui, Herbert: Politische Mythen & elitäre Menschenfeindlicheit. Halten Ruhe und Ordnung die Gesellschaft zusammen? VSA-Verlag, Hamburg 2014 (124 S., br., 12,80 €)

„Das Lancieren politischer Mythen ist die ‚Anerziehung von Dummheit’.“ (122) Und Dummheit steht nicht nur einer möglichen politischen Opposition im Wege, sie geht auch einher mit „Selbstgefälligkeit, Intoleranz und Aggressivität der Mittelschicht“ (124).  Verf. stellt sich die klassisch soziologische Frage nach den herrschaftlichen Herstellungsmodi des gesellschaftlichen Zusammenhalts, dem sozialen Frieden; die ideologischen Strukturen, die Formierung des Alltagsverstandes, die Reartikulation von Gegensätzen sind seine Untersuchungsgegenstände. Die “Inszenierung von politischen Mythen“ (8) wird als gesellschaftliche Befriedungsstrategie entziffert, die der Verf. von der Anhebung der realen Lebensbedingungen (Nachkriegszeit) und offener Repression unterscheidet (Aussonderung, Verachtung von sozialen Gruppen) und im letzten Punkt zusammenführt.

Die Aufgabe der politischen Mythen besteht in einer „Sinngebungs- und Ordnungsfunktion“ (13), die Bereitstellung eines magischen Weltbildes (10) vor allem aber in etwas, was man das Vernünftigmachen des Irrationalen nennen könnte.  Unvereinbarkeiten, die jeder Alltagsverstand als solche erkennen würde (z.B. reiche Republik, extreme Zunahme an Armut) werden durch Mythen selbsttätig plausibilisiert.

Die Hälfte des Buches besteht in der Untersuchung konkreter Mythen mit den Stichwörtern: Leistungsträger, Staatsverschuldung, Markt und Wettbewerb, Demografie, Wirtschaftswunder (zweites).  Die wissenschaftlich interessierte Fassung, die Ingangbringung, die politische Installierung, der mediale Flankenschutz sind die Stationen, durch die der jeweilige Mythos geführt wird; die konnotativen Verschiebungen im zuvor verankerten Konsens oder eines zuvor artikulierten gesellschaftlichen Konflikts werden herausgearbeitet. Es stellt sich Verf. „die Frage, welche Assoziationen, Gedankenverknüpfungen dieser Begriff mit welchem Ziel auslösen soll.“ (69) Am Beispiel des „Zweiten Wirtschaftswunders“  von 2005 zeigt Verf., dass hier nicht nur das erste der Nachkriegszeit Material bildet, sondern auch das sportliche „Wunder von Bern“ und das „Fräulein-Wunder“, so dass es für den damaligen Finanzminister leicht war, ein sich-selbst-verstehendes als gegenwärtige Zukunft zu formulieren wenn er von neuen Gründerjahren sprach (74). Wenn der Verf. zu diesem Wortgeklimper die realwirtschaftlichen Zahlen folgen lässt ist hier ein Zusammenhang nicht erkennbar; ganz offensichtlich sollte das „politische Leitmotiv der deutschen Wettbewerbsfähigkeit unterstützt werden.“ (75)

Das in diesen Mythen verschulte Denken ist nun fähig die im zweiten Teil des Buches eröffneten Befriedungsfelder abzuschreiten und in deren Logik, Zusammenhänge zu stiften. „Demokratie als marktkonforme parlamentarische Mitbestimmung“ (75) verliert seine Widersinnigkeit, wenn zuvor gelernt wurde, dass der Markt, wie auch „das Ausland“, die „Globalisierung“ oder andere unpersönliche Subjekte, etwas fordert, dem nachzukommen als Überlebensfrage artikuliert ist. Die Diskussion um das „bedingungslose Grundeinkommen“ kann losgelöst von konkreten Klassenverhältnissen als radikale soziale Maßnahme immer wieder zur Diskussion werden, auch wenn  einer der Hauptagitatoren (Götz W. Werner) dieses Konzept damit verbindet, „Deutschland zur Steueroase und zum Arbeitsparadies“ zu machen (88). Verf. konzediert die Überzeugungskraft dieser Befriedungsidee für die EmpfängerInnen von Transferleistungen, die von der demütigenden Bittstellerei befreit würden kann aber kaum mehr als ein „verallgemeinertes bürgerliches Ideal etwa des 19. Jahrhunderts“ (89) darin erkennen; den unterstellten Domino-Effekt durch die Entkoppelung von Selbstverwirklichung und Arbeitsleistung z.B. in der Entstigmatisierung von Erwerbslosen, sieht er nicht. Im möglichen Grundeinkommen, dessen Finanzierbarkeit offen bleibt, könnte die Gefahr liegen, die radikale – der Produktivität angemessene – Veränderung der Arbeitsbedingungen für alle überhaupt noch für denkmöglich zu halten.

Das „Spiegelbild der Vereinheitlichung“ (99) untersucht den durch Mythen zusammengesetzten gesellschaftlichen Gegensatz der Tüchtigen (Leistungsträger), als einheitliche Gruppe, gegen die Erfolglosen, der als „rohe Bürgerlichkeit“ (Heitmeyer) zum Mittelschichts-Habitus wurde und „gewaltförmige Desintegration“ (101) als Abwertungsmodus nicht mehr ausschließt.

Der verrohte Elitismus zeigte sich in den Tagen der Verhandlungen mit der neuen griechischen Regierung nicht nur in den Diskussions-Foren, sondern auch im politischen und medialen Raum, der auf  zum Staunen auffordernde Weise die Weisung des SPD-Kanzlerkandidaten Beck aus dem Jahr 2006 paraphrasierte, indem Kleider- und Verhaltensordnung paternalistisch eingefordert wurde; vor dem Geben wurde die öffentliche Unterwerfung verlangt.

Auch der Verf. setzt  – wie viele aktuelle Kapitalismuskritiker – am Ende auf  die Ermöglichung von Bildungsprozessen, deren institutionelle Verhinderung, bzw. die Herstellung von Dummheit in den Bildungsinstitutionen,  zuvor aufgezeigt werden.  Mit Mitscherlich fasst er den gebildeten Menschen als jemanden, „der seine jugendliche Ansprechbarkeit auf Neues und Unbekanntes behalten hat. Er ist auf der Suche nach Wissen und nach den Methoden, Erfahrungen zu prüfen.“ (122)

Das Buch sollte in Bildungsinstitutionen weiter gearbeitet werden. Es lädt dazu ein und leitet an.

Kornelia Hauser (Greven)


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